Volltext : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

Aber  der  leichtsinnige  Streich  Czernins,  einen  problematischen  Charakter  wie
Erzberger  in  die  gefährlichen  Geheimnisse  der  Politik  der  verbündeten  Regierungen
  einzuweihen,  hatte  noch  eine  weitere  verhängnievolle  Wirkung,  und
zwar  auf  Deutschlande  inmerpolitische  Entwlcklung:  Erzberger  fühlte  sich  durch
seine  Wlssenschaft  von  Czernine  Berlcht,  dessen  Zweck  und  Ubertreibung  er  ebensowenlg
  durchschaut  hatte  wie  dle  Entente,  veranlaßt,  im  Deutschen  Relchotage
jenen  verhängnisvollsten  Schritt  zu  betreiben:  die  Frledeneresolution.

Aber  lst  es  nicht  ein  entsetzlicher  Gedanke,  daß  die  Geschlcke  von  Millionenvölkern
  entscheldend  bestimmt  werden,  daß  der  unerhörte  Herolemus  verzwelfelt
ringender  Nationen  schlleßlich  zertrümmert  wird  durch  Torheiten  und  Geschwätzigkeiten
  wenlger  verantwortllcher  oder  gar  unverantwortlicher  Einzelner?

6.

Bewiles  sich  der  Friedeneschritt,  den  ÖOsterrelch  auf  helmlichen  Wegen  über
Schwiegermutter  und  Schwager  eines  schwachen  und  ahnungelosen  Herrschers
betrieb,  als  verhängnlevolle  Stümperel,  so  kam  um  die  gleiche  Zeit  elne  Friedeneanregung
  von  dem  olellelcht  einzigen  Manne  der  Welt,  der  damale  hoch  genug
ũber  den  Partelen  stand,  um  als  Vermittler  ernsthaft  genommen  werden  zu
müssen:  vom  Popste.

Am  26.  Junk  suchte  der  päpstliche  Auntlus  Pacelll  Herrn  v.  Bethmann
in  Berlin  auf.  Er  erklärte  sich  beauftragt,  dem  Kaiser  einen  Brief  des  Papstes
zu  Überbringen,  dessen  Abschrift  er  Bethmann  zu  lesen  gab.

Unter  persönlichen  Wünschen  für  den  Kaiser  und  seln  Haus  erinnerte  der
Papst  in  dem  Briefe  daran,  wie  er  unablässig  die  krlegführenden  Völker  beschworen
  habe,  die  brudermörderlschen  Waffen  niederzulegen,  und  verslcherte
dem  Kalser,  daß  alle  seine  Anstrengungen  darauf  gerichtet  blieben,  die  Tage
dieses  ungeheuren  Unheils  zu  schließen.

Bethmann  hatte  den  Eindruck,  daß  binter  diesem  Besuch  ein  ernsthafter
und  genau  formulierter  Auftrag  des  Papstes  stehe,  und  gab  dem  Auntius  alle
von  lhm  gewünschten  Aufklärungen.  Insbesondere  erklärte  er,  Belglen  solle
zu  voller  Unabhängigkeit  wiederhergestellt  werden,  nur  müsse  Gewähr  geschaffen
werden,  daß  es  auf  kelne  Weise  unter  Englonde  und  Frankrelchs  Herrschaft
gerate.  An  der  elsaß-lothringischen  Frage  werde  ein  Friede,  wenn  Frankrelch
zu  solchem  bereit  sei,  nicht  scheitern:  „in  der  Form  gewisser  gegenseitiger  Grenzberichtigungen
  werde  sich  ein  Weg  finden  lassen“.

Am  29.  Junl  empfing  der  Kaiser  im  Großen  Hauptquartier  den  Nuntlus
und  betonte,  für  den  Papst  sel  jetzt  die  Zeit  zum  Hondeln  gekommen,  zumal
die  andere  große  Internatlonale  Organlsation,  die  Sozlaldemokratie,  sich  bereits
in  den  Dienst  des  Frledene  gestellt  habe.

Das  war  der  Auftakt  zu  dem  Friedeneschritt,  den  der  Papst  donn  am
I.  August  durch  Erlaß  seiner  Frledens-Enzyklika  getan  hat.

Vorher  entwickelte  sich  in  Deutschland  eine  innere  Krisie,  welche  die  innerdeutsche
  Zerrüttung  einem  Höhepunkt  zutrieb.

Es  hatte  nicht  fehlen  können,  daß  die  russische  Revolution  auf  die  schon  längst
in  Gärung  begriffenen  Innerpolitischen  Zustände  Heutschlands  eine  tiefe  Einwirkung
  übte.

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