Full text : Spittler’s sämmtliche Werke. Elfter Band. (11)

Die  Theoisgie  im  letzten  Viertel  des

7  ast  auf  allen  Gebieten  der  Cheologie  bedeuten  die  siebziger  Jahre  einen  tiefen  Einschnitt  innerhalb  des  Jahrhunderts.  Die

)  Der  Umschwung  in  der  allgemein  geistigen  Entwickelung  Deutschlands  macht  sich  auch  bier  geltend:  der  Glaube  am  evangelische
die  Spekulation  weicht  dem  geschichtlichen  Zug,  die  intellektualistische  und  ideologische  Betrachtungsweise  der  praktischen,  Cheolögnie
der  Psychologie  des  persönlichen  Lebens.  von

Die  bedeutendste  Erscheinung,  in  der  das  zum  Ausdruck  kommt,  ist  die  Cheologie  Albrecht  Ritschls  (T  1880).  Er  hat  von  Prof.  Dr.
neuem  die  Forderung  erhoben,  die  Schleiermacher  einst  am  Anfang  des  Jahrhunderts  gestellt,  seine  Nachfolger  aber  wieder  Kar  Müller.
verlassen  hatten,  dass  die  evangelische  Dogmalik  nicht  ein  {Wissen  von  den  Gegenständen  des  Glaubens  (Gott,  Welt,

Mensch,  Veranstaltungen  Goites  insbesondere  zur  Erlösung)  aeben,  sondern  sich  darauf  beschränken  solle,  wissenschaftlich

iesizustellen,  was  im  Glauben  selbst,  d.  b.  im  Besitz  des  Beils  enihalten  sei.  Denn  nicht  bloss  führt,  wie  Kani  ein  für

allemal  erwiesen  bat,  kein  iheorelisches  Erkennen  über  die  Grenzen  der  natürlichen  Welt  hinaus,  sondern  vor  allem  die

Religion  will,  wie  schon  Schleiermacher  festgestellt  hat,  nicht  Iheoretische,  sondern  praklisch  bestimmte  Well-  und  Lebensanschauung

  sein.  Sie  Tragt  nicht:  welche  Metaphysik  steht  hinter  den  Gegenständen  des  Glaubens,  sondern  was  bedeuten

diese  Grössen  für  mich,  meinen  Lebenszweck?  Auch  die  biblischen  Aussagen  sollen  also  nich  dazu  dienen,  über  die

Grenzen  des  menschlihen  Erkenntnisvermögens  binauszuführen,  sondern  die  geschichtlichen  Chatsachen  zu  bezeugen,  in

denen  die  Offenbarung  vorliegt,  die  Wirkungen,  die  sie  auf  die  £hristenheit  von  Anfang  an  ausgeübt  hat.  Der  Inhalt

dieser  Offenbarung,  das  Evangelium,  liegt  vor  in  der  persönlichen  Erscheinung  Ehristi,  d.  b.  seiner  persönlichen  Gesinnung  und

Wirksamkeit,  in  der  sich  Gottes  Gesinnung  und  Wille  darstellen  und  aus  deren  Eindruck  das  neue  christliche  Leben  erwächst.

Diese  Auffassung  des  Ebristentums  und  der  Offenbarung  bedingt  dann  die  Stellung  Rilschls  zur  ganzen  gescyichtlichen
Uleberlieferung,  ihren  Problemen  und  Autoritäten.  An  Ehristi  Person  fasst  er  nicht  die  Beschaffenheit  seiner  Natur  ins  Auge,

sondern  das  ganze  Bild  seiner  Gesinnung  und  seines  Wirkens;  von  seinem  (Werk  kommen  Cod  und  Auferstehung  nich!

als  die  Chatsachen  in  Betracht,  durch  die  das  Beil  erst  vor  Gott  ermöglicht  worden  wäre,  sondern  als  die  Stücke,  in  denen
sich  sein  ‚Sieg  über  die  Welt  abschliesst  und  dem  Glauben  bezeugt.  An  der  Beiligen  Schrift  achtet  er  nicht  auf  das
geschichtliche  Gewand  der  Vorstellungsiormen,  sondern  auf  den  darin  geborgenen  religiösen  und  silllichen  Gehalt.  Da:
kirchlidye  Dogma  kritisiert  er,  nicht  weil  es  der  selbsiberrlichen  Vernunft  widerspräche,  sondern  weil  es  nicht  im  stande  ist,
das  Evangelium  rein  auszudrücken  und  sicher  zu  stellen,  vielmehr  seiner  ganzen  Geschichte  gemäss,  vor  wie  nach  der
Reformation,  durch  religiöse  und  melapbysische  Interessen  und  Ueberlieierungen  anderer  Art  bestimmt  ist.  Die  evangelische
Dogmatik  hat  daher  die  Aufgabe,  es  in  den  Formen  und  mit  den  Mitteln  darzustellen,  die  seinem  innern  {lesen  wie
den  Bedürfnissen  der  Gegenwart  entsprechen.

Um  diese  Cheologie  hat  sich  der  Streit  in  den  letzten  25  Jahren  wesentlic  gedrebt.  Ritschls  Schule  bat  die  Arbeit  von
seinen  Grundsätzen  aus  Torizuführen  gesucht.  Die  Gegner  haben  sie  vom  Boden  der  älteren  Richtungen  aus  bekämpft,
dabei  aber  zum  Ceil  selbst  die  Wirkung  seiner  Gedanken  wie  der  allgemeinen  geisiigen  Strömungen  erfahren,  die  in
ihm  besonders  stark  zu  Cage  geireten  waren.

Diese  älteren  Richtungen  haften  im  Unterschied  von  Schleiermacher,  aber  in  Uebereinstimmung  mit  der  Philosophie  Scheilings
und  Begels  ein  Wissen  von  den  Gegenständen  des  Glaubens  angestrebi,  dessen  Elemente  neben  der  christlichen  Erfahrung
im  Sinn  Schleiermachers  teils  die  biblischen  Aussagen  bildeten,  teils  das  kirhliche  Dogma,  teils  die  €

Gedanken  der.  modernen
Weltanschauung  und  ihrer  spekulativen  Philosophie.  Das  verschiedene  Mass,  in  dem  diese  Faktoren  zur  Gellung  kamen,
schied  die  drei  Bauptrichtungen,  die  gewöhnlich  als  die  liberale,  konfessionelle  und  Vermitthungstheologie  bezeichnet  werden.
Aber  auch  bier  haben  die  Kräfte  gewirkt,  die  bei  Ritschl  nur  besonders  kräflig  hervorgeirelen  sind.  Von  den  „liberalen“

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