Contents : Die Hohenzollern und das Reich. Band 3. (3)

EO  —  420  ————-ganzen

  Tag  über  schmerzlich  mit  sich  selbst,  bevor  er  zu  einem  bestimmten  Entschlusse
  kam.  Glücklicherweise  war  es  der  letzte  Tag  der  Waffenruhe  (9.  August).

Während  der  Graf  Metternich  und  die  französischen  Bevollmächtigten,
Caulaincourt  und  Graf  Narbonne,  an  diesem  Tage  in  Prag  mit  Spannung
auf  die  Entscheidung  des  Kaisers  Napoleon  warteten,  wünschten  die  Bevollmächtigten
  der  Verbündeten,  der  kaiserlich  russische  Staatsrat  von  Anstett  und
der  preußische  Geheimerat  Wilhelm  von  Humboldt,  sehnsüchtig  die  letzte
Stunde  des  Tages  herbei.  Sie  setzten  endlich  ein  Protokoll  anf,  in  welchem
sie  ihre  Vollmachten  für  erloschen  und  den  Kongreß  für  beendigt  erklärten,
und  übergaben  dasselbe  mit  dem  zwölften  Glockenschlage  der  Mitternacht  dem
österreichischen  Friedensvermittler.  Mit  leichterem  Herzen  eilte  darauf  Humboldt
  auf  den  Hradschin,  um  das  verabredete  Zeichen  zu  geben;  bald  darauf
flammten  auf  den  Kuppen  des  Riesengebirges  im  weiten  Bogen  die  Feuerzeichen
  auf  und  verkündeten  den  Heeren,  daß  die  Stunde  zum  Wiederbeginn
des  mit  Sehnsucht  erwarteten  Kampfes  gekommen  sei.

Wenige  Stunden  darauf  traf  die  Antwort  Napoleons  auf  die  letzten  österreichischen
  Friedensvorschläge  ein.  Sie  lautete  im  allgemeinen  zustimmend  mit
einigen  Vorbehalten.  Metternich  erklärte  den  französischen  Bevollmächtigten,
die  letzten  Aufstellungen  wären  wohl  von  der  Art,  daß  sie  zum  Frieden  hätten
führen  können,  wenn  sie  früher  gemacht  worden  wären;  jetzt  sei  Osterreich
genötigt,  infolge  seiner  Verträge  mit  Rußland  und  Preußen  als  Verbündeter
dieser  Mächte  aufzutreten.  Am  12.  August  abends  fertigte  Metternich  in
seiner  Kanzlei  den  Kurier  mit  der  Kriegserklärung  nach  Dresden  ab.  Humboldt
  begleitete  denselben  selbst  zur  Post.  Nachdem  er  ihn  hatte  abfahren
sehen,  atmete  er  auf.  Nun  war  er  gewiß,  daß  eine  Anderung  des  Entschlusses
nicht  mehr  stattfinden  konnte.

So  stand  denn  der  längst  geplante  große  Bund  der  alten  Mächte  Europas
  —  Rußland,  Prenßen,  England,  Osterreich  und  Schweden  —  endlich  unter
den  Waffen  gegen  die  revolutionäre  Zwingherrschaft  des  Einzigen,  der  Europa
unter  sein  Joch  beugen  wollte.  Aber  in  welcher  anderen  Gestalt  war  dieser
Bund  ins  Leben  getreten,  als  die  preußischen  Vaterlandsfreunde  ihn  gedacht
hatten!  Was  hatten  die  Kosaken  und  Baschkiren  Rußlands,  die  dalekarlischen
und  gotländischen  Bauern  Schwedens,  die  Magyaren  und  Tschechen,  die  unter
Österreichs  Fahnen  standen,  für  ein  Interesse  an  der  Aufrichtung  eines  unabhängigen
  Deutschen  Reichs,  wie  es  Preußen  dem  deutschen  Volke  verheißen
hatte!  Rußland  trachtete  danach,  seinen  Schwerpunkt  als  enropäische  Großmacht
  aus  dem  Orient  mehr  nach  dem  Westen  vorzurücken  und  an  Frankreichs
Stelle  einen  überwiegenden  Einfluß  auf  die  Staaten  des  abendländischen  Europa
auszuüben:  Schweden  wollte  Norwegen  in  Deutschland  erobern,  England  seine
Seeherrschaft  mit  Hilse  der  Kontinentalmächte  behaupten  und  befestigen,  Oster-