Full text : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

—  Anser  Pommerland  —

Behutsam  holte  sie  die  Kanne  heraus.

Da  ging  die  Tür  und  August  kam  herein.
„Gustav  Piper  hat  ’ne  Depesch  bekommen!“  sagte  er
heiser,  denn  das  Traben  durchs  Unwetter  war  ihm
auf  die  Stimme  gefallen.  Dabei  warf  er  sein  nasses
  Schulbuch  mitlen  auf  den  roten  Eßtisch  und
richtete  die  aufgerissenen  Augen  hauptsächlich  auf
Marie.

„ne  Depesch'?  —  Was  steht  denn  drin?“  fragte
Miele.

n  „Ja  —  das  wußt'  Strohmeyer  auch  nicht  richa!“


„Na,  denn  dröhn  auch  nich  erst,  wenn  du  doch
von  nichts  nich  weißt!“

Miele  war  nicht  so  hübsch  wie  Marie,  aber  sehr
llug;  und  die  beiden  Schwestern  konnten  einander
gut  leiden.

Marie  sagte  kein  Wort.  Nrampbhaft  richtete  sie
ihren  Blick  auf  die  eiserne  Kanne  in  ihrer  Hand:

krampfhaft  hielt  sie  das  schwere  Geschirr  fest  und
setzte  es  endlich  langsam  auf  den  Tisch.
Sie  seufzte  auch  nicht.  Und  selbst  als  sie  die

Kanne  los  war,  sah  sie  keinem  der  Ihren  ins  Gesicht.
  Das  Herz  stand  ihr  fast  still.

„Na,  ich  werd  eins  rumgehen!  —  Marieken  tu
mir  eins  meinen  Regenrock  aus  der  Kammer!“  ließ
sich  nun  Vater  Beethmann  von  der  Ofenbank  her
vernehmen,  schob  die  Netze,  an  denen  er  ausgebessert
hatte,  zur  Seite  und  legte  die  kurze,  brennende
Pfeife  bedächtig  auf  den  Rand  der  Bank.

Miele  und  die  Jungen  fingen  während  des  Vaters
  Abwesenheit  an  zu  essen,  und  Marie  aß  auch.

Beethmann  war  zurück.  Seinen  Wachstuchkittel

hatte  er  schon  auf  dem  Hausflur  über  die  große
Familienlade  gebreitet.  Nun  stand  er  mitten  in
der  Stube,  schob  eifrig  die  Unterlippe  vor  und

schwenkte  seinen  Hut  aus.

Gesagt  hatte  er  noch  nichts.

Mieles  Augen  ware  gespannt  und  die  der  Jungen
  neugierig  auf  ihn  gerichtet.

„Soll  ich  dir  einschenken,  Vadding?“  fragte  endlich
  Marie  mit  zitternder  Stimme.

„Ja,  mein  Dochter,  schenk  man  ein!  —  Grugliches
  Wetter  is  ja  das!“

„Das  mit  der  Depesch  —  is  es  denn  wahr?“
hub  Miele  ängstlich  an,  als  der  Vater  bereils  in
gewohnter  Stellung  mit  krummem  Rücken  und  beide
Ellenbogen  fest  aufgelegt,  wie  auf  Nimmerwiederlkrückziehen,
  am  Tisch  saß.

„Ja,  is  es  denn  bloß  wahr?“  wiederholte  Marieken.


„Ja,  Dirns!  Das  ist  nu  mal  nich  anders!“
Und  trotz  seiner  gemüthlichen  Haltung  zog  ein
Schatten  über  Beethmanns  rundes  Gesicht.  „Richtigen
  Klug  is  da  ja  nich  aus  zu  kriegen!  Gustav
soll  ihm  bis  Schwerin  entgegenkommen,  telegraphiert
Malle.  —  Bis  dahin  führ  er  von  Hamburg  aus
mit  'nem  guten  Bekannten.  —  Jäl  —  Heut  schlägt
das  hier  ein  —  und  morgen  da.  Das  hilft  ihm
nichts!  Das  hilft  ihm  all  zusammen  nichts!“  —

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„Is  ihm  denn  'n  Unglück  passiert?“  Sie  hatte
es  nur  stottern  können;  und  ihre  Lippen  woren
bläulich-weiß.  Mit  den  Händen  faßte  sie  fest  an
den  Sitz  ihres  Stuhls,  und  ihre  Augen  verschlangen
  jetzt  die  Mienen  des  Vaters.

Dieser  zuckte  mit  den  Achseln:  „Ja,  Dirn,  das
weiß  kein  Mensch!  Solche  Depesch  soll  der  Deubel
raten!“  —

Als  die  Schwestern  in  ihrer  Kammer  —  derselben,
  in  der  in  einer  Ecke  der  große  Kartoffelsack
stand  —  zusammen  in  dem  veralteten  zweischläferigen
  Bett  lagen,  hörte  plötzlich  Miele  in  der  Tiefe
des  zweiten  Kopfkissens  ein  durch  keine  Federn  zu
erstickendes  Schluchzen.

Und  nicht  lange,  so  flog  auch  schütternd  das
schwere  Deckbett  neben  ihr  hin  und  her,  denn  darunter
  wandte  und  krümmte  sich  etwas  in  ungestümem
  Jammer.

„Marieken,“  sagte  das  junge  Ding  tapfer  und
richtete  sich  selbst  unruhig  auf:  „Sei  doch  nicht  unklug!
  Einer  kann  doch  wieder  besser  werden!  —
Marieken,  sei  stilll  Sonst  wacht  Vater  in  der
Stub  auf!“

„Laß  ihn!  O,  Gott!  Mir  ist  allens  gleich!  O.
Gott!  Lieber  Gott!“  wimmerte  und  flehte  es  aus
einer  Angst  heraus,  die  so  plötzlich  und  so  verwirrend
  gekommen  war,  daß  sie  keinen  Ausweg  finden
konnte.

*  *

*
„Miele,  von  gestern  abend  .  .  versprich
das,  daß  du  nichts  von  gestern  abend  sagst!“

„Ne  —  ich  werd  schon  nich!“

„Zu  keinem  Menschen!“

„Ne!  —  ne!  —  wenn  ichs  doch  versprech!“

„Einer  —  weiß  manchmal  nich,  was  et  hatl  —
Einer  is  manchmal  richtig,  als  mal.  —  —“

Miele  hatte  nichts  weiter  geantwortet.  Aber
ihr  breites,  flaches  Gesicht  hatte  eine  sehr  verständige
  Miene  aufgesetzt,  als  sie  den  letzten  Worten
ihrer  Schwester  anstandslos  beizupflichten  schien.

Seit  diesem  Gespräch  waren  nun  schon  wieder
vier  gange  Tage  vergangen.  Das  Unwetder  hatte  eine
Pause  gemacht.  Tagsüber  hatte  die  Somne  geschienen.
  Jetzt  schien  der  Mond.

Beethmanns  älteste  Tochter  neigte  nicht  wie
sonst  um  diese  Zeit  glühende  Backen  über  eine  Häkelei
  und  hielt  das  wachsende  Kunstwerk  ab  und
zu  unter  verliebte  Blicke.

Sie  rückte  nach  abgetragener  „Nachtkost“  ihren
Stuhl  etwas  abseits  von  dem  großen  Tisch,  auf
dem  die  Lampe  bramte,  an  das  Fenster  und  nahm
ihr  Spinnrad  zur  Hand.

Nicht,  daß  sie  vom  Fenster  aus  die  durchs  Dorf
führende  Hauptstraße  wirklich  hätte  übersehen  können,
  denn  die  Beethmannsche  Hütte  stand  ziemlich
zurück  und  das  davor  liegende  Stückchen  Garten
schnitt  mit  einer  kleinen  verkrüppelten  Erhöhung  am
Rande  des  Weges  ab.  Aber  wenn  ein  Wagen  diesen
  durchfuhr,  waren  oben  hinter  den  Scheiben  wemir