— Anser Pommerland —
Behutsam holte sie die Kanne heraus.
Da ging die Tür und August kam herein.
„Gustav Piper hat ’ne Depesch bekommen!“ sagte er
heiser, denn das Traben durchs Unwetter war ihm
auf die Stimme gefallen. Dabei warf er sein nasses
Schulbuch mitlen auf den roten Eßtisch und
richtete die aufgerissenen Augen hauptsächlich auf
Marie.
„ne Depesch'? — Was steht denn drin?“ fragte
Miele.
n „Ja — das wußt' Strohmeyer auch nicht richa!“
„Na, denn dröhn auch nich erst, wenn du doch
von nichts nich weißt!“
Miele war nicht so hübsch wie Marie, aber sehr
llug; und die beiden Schwestern konnten einander
gut leiden.
Marie sagte kein Wort. Nrampbhaft richtete sie
ihren Blick auf die eiserne Kanne in ihrer Hand:
krampfhaft hielt sie das schwere Geschirr fest und
setzte es endlich langsam auf den Tisch.
Sie seufzte auch nicht. Und selbst als sie die
Kanne los war, sah sie keinem der Ihren ins Gesicht.
Das Herz stand ihr fast still.
„Na, ich werd eins rumgehen! — Marieken tu
mir eins meinen Regenrock aus der Kammer!“ ließ
sich nun Vater Beethmann von der Ofenbank her
vernehmen, schob die Netze, an denen er ausgebessert
hatte, zur Seite und legte die kurze, brennende
Pfeife bedächtig auf den Rand der Bank.
Miele und die Jungen fingen während des Vaters
Abwesenheit an zu essen, und Marie aß auch.
Beethmann war zurück. Seinen Wachstuchkittel
hatte er schon auf dem Hausflur über die große
Familienlade gebreitet. Nun stand er mitten in
der Stube, schob eifrig die Unterlippe vor und
schwenkte seinen Hut aus.
Gesagt hatte er noch nichts.
Mieles Augen ware gespannt und die der Jungen
neugierig auf ihn gerichtet.
„Soll ich dir einschenken, Vadding?“ fragte endlich
Marie mit zitternder Stimme.
„Ja, mein Dochter, schenk man ein! — Grugliches
Wetter is ja das!“
„Das mit der Depesch — is es denn wahr?“
hub Miele ängstlich an, als der Vater bereils in
gewohnter Stellung mit krummem Rücken und beide
Ellenbogen fest aufgelegt, wie auf Nimmerwiederlkrückziehen,
am Tisch saß.
„Ja, is es denn bloß wahr?“ wiederholte Marieken.
„Ja, Dirns! Das ist nu mal nich anders!“
Und trotz seiner gemüthlichen Haltung zog ein
Schatten über Beethmanns rundes Gesicht. „Richtigen
Klug is da ja nich aus zu kriegen! Gustav
soll ihm bis Schwerin entgegenkommen, telegraphiert
Malle. — Bis dahin führ er von Hamburg aus
mit 'nem guten Bekannten. — Jäl — Heut schlägt
das hier ein — und morgen da. Das hilft ihm
nichts! Das hilft ihm all zusammen nichts!“ —
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„Is ihm denn 'n Unglück passiert?“ Sie hatte
es nur stottern können; und ihre Lippen woren
bläulich-weiß. Mit den Händen faßte sie fest an
den Sitz ihres Stuhls, und ihre Augen verschlangen
jetzt die Mienen des Vaters.
Dieser zuckte mit den Achseln: „Ja, Dirn, das
weiß kein Mensch! Solche Depesch soll der Deubel
raten!“ —
Als die Schwestern in ihrer Kammer — derselben,
in der in einer Ecke der große Kartoffelsack
stand — zusammen in dem veralteten zweischläferigen
Bett lagen, hörte plötzlich Miele in der Tiefe
des zweiten Kopfkissens ein durch keine Federn zu
erstickendes Schluchzen.
Und nicht lange, so flog auch schütternd das
schwere Deckbett neben ihr hin und her, denn darunter
wandte und krümmte sich etwas in ungestümem
Jammer.
„Marieken,“ sagte das junge Ding tapfer und
richtete sich selbst unruhig auf: „Sei doch nicht unklug!
Einer kann doch wieder besser werden! —
Marieken, sei stilll Sonst wacht Vater in der
Stub auf!“
„Laß ihn! O, Gott! Mir ist allens gleich! O.
Gott! Lieber Gott!“ wimmerte und flehte es aus
einer Angst heraus, die so plötzlich und so verwirrend
gekommen war, daß sie keinen Ausweg finden
konnte.
* *
*
„Miele, von gestern abend . . versprich
das, daß du nichts von gestern abend sagst!“
„Ne — ich werd schon nich!“
„Zu keinem Menschen!“
„Ne! — ne! — wenn ichs doch versprech!“
„Einer — weiß manchmal nich, was et hatl —
Einer is manchmal richtig, als mal. — —“
Miele hatte nichts weiter geantwortet. Aber
ihr breites, flaches Gesicht hatte eine sehr verständige
Miene aufgesetzt, als sie den letzten Worten
ihrer Schwester anstandslos beizupflichten schien.
Seit diesem Gespräch waren nun schon wieder
vier gange Tage vergangen. Das Unwetder hatte eine
Pause gemacht. Tagsüber hatte die Somne geschienen.
Jetzt schien der Mond.
Beethmanns älteste Tochter neigte nicht wie
sonst um diese Zeit glühende Backen über eine Häkelei
und hielt das wachsende Kunstwerk ab und
zu unter verliebte Blicke.
Sie rückte nach abgetragener „Nachtkost“ ihren
Stuhl etwas abseits von dem großen Tisch, auf
dem die Lampe bramte, an das Fenster und nahm
ihr Spinnrad zur Hand.
Nicht, daß sie vom Fenster aus die durchs Dorf
führende Hauptstraße wirklich hätte übersehen können,
denn die Beethmannsche Hütte stand ziemlich
zurück und das davor liegende Stückchen Garten
schnitt mit einer kleinen verkrüppelten Erhöhung am
Rande des Weges ab. Aber wenn ein Wagen diesen
durchfuhr, waren oben hinter den Scheiben wemir