144 Zweites Buch. Der Kampf um das Dasein.
setzen sollen, die auch den König erbitterte und zu gesteigertem
Druck herausforderte.
Gerade in diesen Neuerungen offenbaren sich die Schwächen
des Fridericianischen Systems. Es krankte an dem Widerspruch
zwischen dem aufs höchste gespannten Pflicht= und Ehrgefühl des
Königs selbst und seinem Mangel an Glauben an das Pflichtund
Ehrgefühl anderer, zunächst seiner Beamten, dann aber
auch seiner Unterthanen. Daß daran bei ihnen gezweifelt werde,
hatten die einen so wenig wie die anderen um ihn verdient.
Dazu kam ein anderer Widerspruch. So eifrig er sich zu den
Prinzipien der Aufklärung bekannte: die Konsequenzen ließ er
doch nicht gelten, die sich daraus für eine Reform der politischen
und sozialen Verhältnisse ergaben. Niemals ist ihm, dem großherzigen
Förderer der Landwirtschaft, dem Kolonisator weiter
Gebiete, dem Begründer wirtschaftlichen Gedeihens für Tausende
von Bauern, der Widerspruch zum Bewußtsein gekommen, der
zwischen seiner Agrarpolitik und der Art obwaltete, wie er
den Bauern in der Abhängigkeit erhalten sehen wollte, in die
ihn eine unheilvolle Entwickelung gebracht hatte. Seine Erbunterthänigkeit
war ihm eines der Fundamente der bestehenden
Ordnung in Staat und Gesellschaft, an dem, wenn diese erhalten
bleiben sollte, nicht gerührt werden durfte. Wohl hat
er einzelne Mißstände beseitigt, und wo er, wie nachmals in
Westpreußen, diese Dinge ohne Rücksicht auf das geschichtlich
Ueberkommene regeln konnte, die Abgaben und Dienste der an
die Scholle gebunden bleibenden Bauern möglichst herabgesetzt,
das Prinzip aber nicht angetastet, weil er in den bestehenden
bäuerlichen und gutsherrlichen Verhältnissen eine unerläßliche
Voraussetzung sah auch für die militärische Organisation und
damit die Wehrhaftigkeit Preußens.
Unabsichtlich aber und unbewußt hat er doch gerade auf
diesem Gebiete für die Zukunft große soziale Reformen vorbereitet,
indem er, wie es an die Wende zweier Zeitalter gestellten
Männern nicht selten geht, die auf der einen Seite
bekämpften Neuerungen durch ihnen scheinbar fremde Maßregeln
auf der anderen Seite anbahnte. Je mehr er, nicht
aus allgemeiner Menschenliebe oder physiokratischen Theorien zu-