Full text : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1856. (47)

578  Die  neue  Revolutionsperiode.

aber  das  Wesen  einer  Konstitution,  das  andere  hoffte  man  von  dem
Drange  der  Ereignisse  zu  erlangen.  Bereits  hatte  in  der  Schweiz  der
Radikalismus  zum  Trotze  Frankreichs  und  der  nordischen  Mächte  gesiegt,
bereits  erhob  die  Revolution  in  Italien  ihr  Haupt  und  drohte  Oesterreichs
Macht  in  vollen  Anspruch  zu  nehmen;  die  moralische  Niederlage,  welche
Louis  Philipp  durch  die  Vorgänge  in  der  Schweiz  und  in  Italien  erlitt,
konnte  nicht  ohne  Folgen  auf  die  öffentliche  Meinung  in  Frankreich  bleiben,
und  wenn  die  französische  Reformpartei  durchdrang,  schien  eine  neue
politische  Aera  für  Europa  angebrochen.

Jweites  Kapitel.

Bürgerkriege  und  Gewaltthaten  in  der  Schweiz.  Sturz  der
Bunbesverfassung  von  1815  (1840—47).

Die  radikale  Partei  in  der  Schweiz  wurde  für  Zürich,  das  sie  im
September  1839  verlor,  einigermaßen  durch  den  Kanton  Tes  sin  entschädigt.
  Dieser  Kanton  war  seit  seiner  Aufnahme  in  den  Bund  (1798)
von  den  andern  Schweizern  sehr  geringschätzig  angesehen  worden,  hatte
sich  auch  um  schweizerische  Angelegenheiten  nicht  im  mindesten  bekümmert
und  in  der  Tagssatzung  das  Prinzip  der  Kantonalsouveränetät  gegenüber
der  Bundesgewalt  beharrlich  vertreten.  Der  größere  Theil  der  Bevölkerung
  ist  arm  und  verdient  seinen  Lebensunterhalt  in  der  Lombardei
oder  durch  den  Verkehr  mit  derselben;  die  Regierung  war  seit  1815
immer  im  höchsten  Grade  unpopulär,  und  man  machte  ihr  sowie  den
untergeordneten  Behörden  den  Vorwurf  der  Trägheit,  der  schlechten
Verwaltung,  der  Parteilichkeit  u.  s.  w.,  aber  die  Revolution  von  1829
und  1830  besserte  nichts,  im  Gegenthell  nahm  die  Verschuldung  des
Kantons  noch  mehr  zu.  Die  radikale  Partei  war  1830  nicht  vollständig
Meister  geworden,  sie  verlor  später  in  dem  Großfen  Rathe  immer  mehr
Boden,  regte  aber  das  Volk  besonders  in  den  südlichen  Bezirken  des
Kantons  auf,  so  daß  der  Große  Rath  Maßregeln  traf,  von  denen  die
wichtigste  die  Ausweisung  der  Gebrüder  Ciani  war.  Diese  reichen
Lombarden  hatten  sich  wegen  Theilnahme  an  den  revolutionären  Bestrebungen
  in  Italien  1824  nach  Lugano  geflüchtet  und  waren  Bürger,  ja
sogar  Großrathsmitglieder  geworden;  dies  hielt  sie  jedoch  nicht  ab,  an  der
Revolutionlerung  Italiens  thätig  mitzuarbeiten,  und  sie  konnten  dies  um
so  besser,  als  sie  in  Lugano  vor  der  österreichischen  Polizei  sicher  ihre
Presse  für  den  Druck  revolutionärer  Schriften  verwenden  konnten,  die
nach  Italien  geschmuggelt  und  dort  von  ihren  Gesinnungsgenossen  verbreitet
  wurden.  Die  österreichische  Reglerung  hatte  die  Clani  wiederholt