thumbs : deutsches Wörterbuch. Zweiter Band H-O. (2)

647  lieb.

liebe  not;  die  bunten  seifenblasen  des  lieben  leeren
erdentands  Hölty  200;  —  in  zärtlicher  Rede,  von  einem
der  geliebt  zu  werden  verdient:  ein  liebes  weibchen,
mit  der  ich  mich  vertragen  werde  Goethe  Stella  1;
so  ein  lieb  ding  im  arm  zu  haben  Faust  I.  2)  lieb
substantivisch;  im  Masc.  und  Fem.  der,  die  liebe,  Plur.
die  lieben,  von  Verwandten,  Freunden,  Geliebten:  das
jr  meine  liebe  nicht  aufweckt  Hohel.  8,  4;  für  meine
lieben  liesz  ich  leib  und  blut  Goethe  Faust  1;  da
sitzet  mein  lieber  Uhland  30;  in  der  Anrede:  lieber,
verlas  uns  nicht  4.  Mos.  10,  31;  o  lieber,  o  süszer!
Bürger  Untreue  üb.  Alles;  ich  grusze  die  getreuen,
licben  Goethe  Faust  II,  1;  auch  oft  ironisch,  zurückweisend:
  nein,  mein  lieber,  daraus  wird  nichts!;  Superl.
der,  die  liebste  in  Bezug  auf  Freunde,  Verwandte,
Geliebten  oder  Geliebte:  grüszet  Epenetum,  meinen
liebsten  Röm.  16,  5;  dasz  sich  einer  in  des  andern  seine
liebste  verliebt  hat  Lessing  Freigeist  5,  6;  in  älterer
Spr.  auch  für  Ehemann  oder  -frau,  gern  titelhaft:  was
macht  denn  Ihre  frau  liebste  Gellert  kranke  Frau  9;
vgl.  auch  eheliebste;  —  Neutr.  etwas  liebes,  in  persönlichem
  Sinne,  ein  Liebchen  meinend:  ein  haus
er  mag  da  etwas  liebes  haben  Schiller  4,  330;  gewöhnlicher
  auf  Dinge,  Zustände,  Güter  weisend:  einem
ctwas  liebes  thun,  erweisen;  hab  so  manch  guts  und
liebs  in  dir  genossen  Schiller  Räub.  5,  1;  sei  es  liebes
oder  leides  Bürger  Huldigungslied;  nichts  liebes  war
uns  fern  Uhland  27;  in  den  Steigerungsgraden:  es
ist  nichts  liebers  auf  erden,  denn  ein  züchtig  weib
Sir.  26,  19;  das  ist  mir  das  liebste;  gott.  reiszt  oft
unser  liebstes  hin  Fleming  322.  3)  licb  prädicativ,
nur  in  gewissen  Formeln:  einen  lieb  haben,  behalten,
einen  oder  etwas  lieb  gewinnen;  einen  frölichen  geber
hat  gott  lieb  2.  Cor.  9,  7;  ich  .  hatte  sie  (die  Bibel)
lieb  und  wertà  Goethe  DuW.  7;  bebalten  Sie  mich
lieb  Rabener  Briefe  92;  lieb  sein,  einer  oder  etwas
ist  lieb,  mir  lieb:  ein  kluger  man  ist  lieb  und  werd
bei  fürsten  Sir.  20,  29;  swie  liep  si  mir  von  herzen
sĩ  Walther  66,  13;  bei  allem  beschwöre  ich  Sie,  was
Ihnen  auf  der  welt  lieb  ist  Lessing  Schatz  7;  sei  es
mir  oder  euch  lieb  oder  leid  Freytag  Ahnen  4,  340;
mit  abhängigem  Satz:  es  ist  mir  lieb  .  das  ich  mich
heut  fur  dir  verantworten  sol  Ap.  Gesch.  26,  2;  lieb
auch  hier  —  liebenswert  (vgl.  oben  1  a.  E.):  mein  schatz
ist  lieb  und  gut  Goethe  Vor  Gericht;  daran  angeschlossen:
  er  (der  Vogel)  thut  gar  zu  lieb  Werther  II;
von  Dingen:  alles,  was  mich  dazu  trieb,  gott!  war
so  gut!  ach  war  so  lieb!  Faust  I;  manches  in  diesem
einfachen  leben  .  erschien  ihm  lieb  und  begehrungswerth
  Freytag  Handschr.  1,  113.  4)  als  Adverb,  in
älterer  Spr.  in  Vergleichungssätzen,  für  gern:  dasz  ich
..  fast  so  lieb  wolte  von  dem  Turken  gefangen  sein,
als  in  solcher  qualität  zu  hofe  lcben  Weise  Erzn.  174;
in  neuerer  zärtlicher  Rede:  die  lufte  wehen  lieb  und
lind  HHeine  15,22;  der  Comp.  leber  in  Vergleichungssätzen,
  vor  als  oder  denn:  du  redest  lieber  böses  denn
gutes  Pf.  52,  5;  lieber  bestie,  als  so  ein  mensch!
Lessing  Minna  1,  4;  auch  mit  ehe:  er  stirbt  lieber,
ehe  er  bettelt;  in  Formeln  je  länger  (je  ener),  je  lieber;
ohne  ausdrückliche  Heranziehung  des  Vergleichs:  so  wær
ich  vil  lieber  töt  Gov  Neifen  52,  9;  ien  wollte  aber
lieber,  alle  menschen  weren  wie  ich  1.  Cor.  7,  7;  der
.  lieber  hungert,  lieber  bettelt!  Goethe  Faust  1;
wärest  du  lieber  weggeblieben;  abwehrend,  zweifelnd,
wundernd  lieber  gar!  vgl.  dazu  gar  2  a.  E.;  für  den
Superl.  steht  am  liebsten:  welches  sie  mir  am  liebsten
gönnen  will  Weise  Erzn.  59;  am  liebsten  betracht
ich  die  sterne  Eichendorff  Taugen.  78;  die  adverbialen
  Steigerungsformen  mit  haben  oder  sein:  Israel
aber  hatte  Josoph  lieber  denn  alle  seine  kinder  1.  Mofs.
37,  3;  wol  und  recht  thun,  ist  dem  herrn  lieber,  denn
opfer  Spr.  Sal.  21,  3;  ich  habe  ihn  am  liebsten  unter

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allen  freunden;  (Dinge)  die  uns  am  liebsten  sind
Gellert  Fab.  3,  31.  5)  eine  versteinerte  Koseform
licber,  als  Gegensatz  des  bedauernden  leider  (Sp.  617),
in  der  Anrede  der  älteren  Spr.  bis  ins  18.  Ih.  hebt
sich  von  dem  unter  2  aufgeführten  lieber  nur  ab,  wenn
weibliche  Personen  oder  Mehrere  angeredet  werden:
lieber,  singet  uns  ein  lied  von  Zion  Ps.  137,  3;  lieber
50  sage  doch  du  seist  meine  schwester  1.  Mos.  12,  13;
o  lieber!  so  gönnen  Sie  mir  doch  eine  blindbeit  (Luise
zur  kady)  Schiller  Kab.  4,7.  —  Zusammensetzungen:
liebäugeln,  liebe  Augen  machen,  mit  Augeln  lieb  sein:
solch  liebäugeln  Garg.  83;  in  freierem  Sinne,  Gunst
verlangen  oder  zeigen;  mit  dem  weine  in  der  flasche
liebäugeln,  begehrlich;  im  kerker  .  wo  die  nacht  mit
der  hölle  liebäugelt  Schiller  Kab.  2,  6.  Im  Scherz
von  Schielenden  Frisch.  —  Liebhaber,  m.  der  lieb  hat,
mhd.  liephaber;  in  älterer  Spr.  —  Freund,  Verehrer
im  Allgemcinen:  die  sünder  lieben  auch  jre  liebhaber
Luc.  6,  32;  dusz  gott  .  bei  seinen  freunden  und  liebhabern
  sei  in  aller  ihrer  noht  Schuppius  261;  im
Besondern  der  ein  Weib  lieb  hat  und  sich  um  sie  bewirbt:
  amator  Uphaber  Dief.;  ich  glaubte,  du  wärest
blosz  mein  guter  freund:  aber  ach!  du  bist  mein  liebhaber
  Weiße  kom.  Op.  1,  137;  nun  war  aus  einem
liebhaber  ein  bräutigam  geworden  Goethe  W.  Meister  6;
vom  geliebten  unterschieden:  ihr  geliebter  entfernte  sich,
ein  unbequemer  liebhaber  drohte  zu  kommen  1,  12;
in  der  Spr.  der  Bühne  Schauspieler,  der  die  Rollen
eines  Liebenden  zu  geben  hat;  —  auf  Eigenschaften,  Güter,
Dinge  bezogen:  du  liebhaber  des  lebens  Weish.  Sal.
11,  27;  ein  liebhaber  der  heiligen  schrift  Schuppius  3;
in  neuerer  gewöhnlicher  Rede  häufig  liebhaber  von  etwas,
ich  bin  kein  lichhaber  vom  spiel;  der  von  solchen
auszerordentlichen  fällen  kein  sonderlicher  liebhaber
war  Goethe  W.  Meister  1,  13;  auch:  diese  ware  ist
für  den  liebhaber;  in  Bezug  auf  Künste:  liebhaber  und
kenner  W.  Meister  3,  6;  die  Sulzersche  theorie  mehr
für  den  liebhaber  als  den  kunstler  DuW.  12.  —  Liebhaberei,
  f.  Vorliebe  für  etwas,  bezogen  auf  die  Neigung,
sich  mit  irgend  etwas  andauernd  zu  beschäftigen:  liebhaberei
  zum  schauspiele  Goethe  W.  Meister  1,6;  besondere
  liebhabereien  die  Vögel.  —  Liebhaberin,  k.  weiblicher
  Liebhaber,  in  jeder  Bed.  des  Masc.  —  liebkosen,
Zärtlichkeit  bezeugen;  im  Mhd.  aus  getrenntem  lieb  (auch
adverbial  liebe)  kosen  entstanden,  mit  der  ältesten  Bed.
traulich  plaudern  (vgl.  auch  kosen):  solt  ich  mit  jr  liebkosen
  Ambraser  Liederb.  169,  43;  später  =  schmeicheln
durch  schöne  Worte:  lieb  kosen  oder  reden,  adulare
Voc.  15.  Ih.;  sprichwörtlich:  wer  eine  schöne  frau  oder
schwester  hat,  dem  liebkost  jedermann  Pistorius
6,  87;  woraus  endlich  die  jetzige  weitere  Bed.  erwächst:
blandiri  liebkosen  Dief.;  strich  der  fragerin  liebkosend
über  das  haar  Freytag  Ahnen  5,  108;  mit  Dat.  der
Person:  er  liebkosete  ihnen  so  schön  Wieland
Grazien  3;  wenn  er  ihr,  der  blonden,  liebkost  Geibel
6,  59;  mit  Acc.:  sie  liebkoste  ihn  auf  das  anmuthigste
Goethe  W.  Meister  2,  12;  wenn  ich  deine  hand  liebkose
  Platen  Gas.  27;  neben  den  Formen  zu  liebkosen
und  geliebkost  (geliebkost  jetzt  von  ihrer  zärtlichkeit
Schiller  M.  Stuart  2,  7)  finden  sich  die  loseren  Verbindungen
  liebzukosen  und  liebgekost:  der  seele
liebzukosen  (durch  Wohlgerüche)  Brockes  7,  119;  nicht
zu  geschäftig  liebgekost  um  den  Walter!  Voß  Luise
2,  423.  —  Liebkosung,  k.  Handlung  und  Gebärde  des
Liebkosens:  mit  ihren  liebkosungen,  ihren  umarmungen
Schiller  Räub.  1,  3;  vor  deinen  liebkosungen  konnt
ich  sie  nicht  bewahren  Kab.  5,  2.

Lieb,  n.  etwas  Liebes;  substantivisch  gebrauchtes
Neutr.  des  vorigen  Adj.,  auf  Sächliches  bezogen:  dem
herzecliches  liep  geschiht  Minnes.  Frühl.  153,  15;  in
festen  Formeln:  in  lieb  und  leid  PGerhard  48;  einem
etwas  zu  lieb,  zu  liebe  thun;  kfur  lieb,  vor  lieb  nehmen;

liebäugeln  —  Lieb.