Contents : Central-Blatt für das Deutsche Reich. Einundzwanzigster Jahrgang. 1893. (21)

12  Das  Volk.

Schädels  und  Gehirns  ist  in  seiner  Eigenart  schon  in  den  frühesten  Monaten
des  Fötuslebens  vorhanden.  Er  könnte  also  nur  von  einer  anderen  niederer
entwickelten  dolichocephalen  Form  abgeleitet  werden.

Nachdem  diese  erste  Aufgabe  gelöst  und  nachgewiesen  war,  daß  der
Typus  sich  noch  heutzutage  bei  einem  Theil  der  Bevölkerung  Deutschlands
  und  Württembergs  in  derselben  Schärfe  ausgeprägt  vorfand,  und
daß  er  der  auffallenden  Verschiedenheit  der  Körpergestalt  dieser  Bevölkerung
zu  Grunde  liegt,  konnte  erst  an  die  Sichtung  der  übrigen  Formen  gedacht
werden.  Da  fand  sich  nun,  daß  jener  sich  durch  diametrale  Gegensätze
von  der  Beschaffenheit  der  andern  unterscheidet.

Durch  Zusammenstellung  von  Reihen,  aus  welchen  alle  von  pathologischen
  Veränderungen  wesentlich  beeinflußten  Formen  ausgeschieden  und  bei
denen  alle  veränderlichen  individuellen  Eigenthümlichkeiten  unberücksichtigt  gelassen
  wurden  und  deren  Richtigkeit  ich  durch  viel  tausendfache  Beobachtungen
kontrolirt  habe,  fand  ich  nun,  daß  die  Masse  der  Bevölkerung  in  Württemberg
  wie  in  Deutschland  und  den  angrenzenden  Ländern  aus  3  Typen
und  deren  Mischformen  zusammengesetzt  ist,  und  daß  die  Unterschiede  der
einzelnen  Stämme  nur  in  dem  größeren  oder  geringeren  Maß  bestehen,  mit
welchem  sich  diese  Elemente  an  ihrer  Zusammensetzung  betheiligen,  sowie
in  der  mehr  oder  weniger  intensiven  Vermischung  derselben.  Die  extremen
Formen,  d.  h.  die  unvermischten  Repräsentanten  jener  3  Typen  sind  von
einander  durch  unveränderliche  Körpereigenthümlichkeiten  geschieden,  welche
ganz  besonders  deutlich  in  der  Architektur  des  Schädels  zum  Ausdruck
gelangen.  Diese  Unterschiede  beschränken  sich  aber  nur  auf  wesentliche
d.  h.  typische  Eigenschaften,  dürfen  sich  z.  B.  beim  Schädelbau  nicht  auf
eine  Eigenschaft  beschränken,  wie  dessen  Höhe  oder  Breite,  oder  auf  Theile
des  Gesichts,  und  müssen  sich  durch  Beschreibung  und  Zeichnung  leicht
firiren  lassen.

Jeder  einzelne  dieser  3  Typen  pflanzt  sich  unter  normalen  Verhältnissen
  mit  großer  Gleichförmigkeit  und  nur  unbedeutenden  individuellen
Schwankungen,  man  könnte  sagen  mit  unwiderstehlicher  Gewalt,  von
Generation  zu  Generation  fort,  solange  keine  Kreuzung  mit  anderen
Typen  oder  deren  Mischformen  stattfindet.  Natürlich  darf  man  sich  dabei
nicht  von  vornherein  in  den  Kopf  setzen,  einzelne  Individuen  unter  der
lebenden  Bevölkerung,  namentlich  sich  selbst  und  seine  Angehörigen,  für
typische  Jdeale  zu  halten  und  aus  der  nicht  individuellen  Eigenschaft  derselben,
  wenn  sie  etwa  von  dem,  erst  nach  langer  Untersuchung  gefundenen
Bild  der  Typen  abweichen,  den  Schluß  ziehen,  die  Aufstellung  jener
3  Typen  sei  nicht  richtig.  Solche  Individuen  gehören  den  Mischformen
an,  und  unter  günstigen  Umständen  wird  es  immer  gelingen,  den  Grund
dieser  Abweichung  bei  ihren  Eltern  oder  Großeltern  nachzuweisen.