überschüssigen Industrieerzeugnisse abseizen müssen, machen als Gegenleistung eine erleichterte Einfuhr ihrer landwirischaftlichen
Produkte zur Bedingung. Dieser Inieressengegensatz, welcher unser politisches Leben vielfach beherrscht, bat seither einen
Ausgleich nicht finden können. Dem kommenden Jahrhundert wird es vorbehalten bleiben, den zur Machilrage gewordenen
Konflikt zum endgültigen Ausirage zu bringen. |
Neben den von Siaats wegen eingerichteten Interessenorganisafionen, deren vornehinste Aufgabe in der Ratserteilung nad)
oben, in der Auskunftserteilung nach unten und in der Fürsorge für das Gewerbe überhaupt liegt, hat das 19. Jahrhundert
in seiner leizten Rälite auch zahlreiche freie Vereinigungen enisteben lassen. Das gemeinsame Interesse gegenüber dem
Dritten bat sogar das Misstrauen des Konkurrenten zurücktreten lassen. Preiskoalitionen unter ganzen Gewerbszweigen,
Produklions-, Absatzvereinigungen, Kampfverbindungen Tür bestimmt angestrebte Ziele, überall schieben sich die Interessenarıppen
zusammen. Das Reich selbst hat sich dieser Entwickelungsiendenz angeschlossen und hat durch weilgehende
Organisationen auf dem Gebiete der Arbeiterschutzgesetzgebung und des Uersicherungswesens das Prinzip der Tnieressensolidarität
gegenüber den gewerblichen Berufsgenossenschaften zu einer staatlichen Forderung gemacht.
Ueberblicki man diese ganze Entwickelung von einem höheren Standorte, so gewinnt es fast den Anschein, als ob sich im
Laufe dieses Jahrhunderts grundsätzlih eine Verschiebung vom wirtschaftlichen Individualsystem nach der Richiung der
Kooperation hin vollzogen bat, allerdings in einem ganz anderen Sinne, als dies dem Sozialismus vorschwebt. Alle Anzeichen
sprechen dafür, dass die jetzt noch in heissem Kampfe miteinander ringenden wirtschaftlichen Kräfte unseres Volkes, nachdeın
sie ein halbes Jahrhundert hindurch sich gegeneinander gemessen baben und dadurch ersiarkt sind, in dem kommenden
Jahrhundert in der Staatsidee selbst ihren Ausgleich finden werden Tür eine künftige rationelle Wirtschaftspolitik.
Regierungsrat Dr. Stegemanı.
Krasshandel, S: zerrissen wie das Deutsche Reich als politischer Körper zu Anfang unseres Jahrhunderts war, war es auch in wirt
Geld- und Sschafllicher Beziehung. Die Einzelstaaten waren durch Aceisen, Einluhrverbote, Ausfubrabgaben, durch verschiedene
Kredirwesen IMünz-, Mass- und Gewichtssysteme u. s. W. voneinander derartig getrennt, dass von einem deuischen Handel nicht wohl
von die Rede sein konnte. Die Begründung des Zollvereins hat die Grundlage für das Zusammenfassen unserer wirtschaftlichen
Regierungs- Kräfte gegeben; der 1. Januar 1834 bedeutete wirtschaftlich Tür die deutschen Einzelstaaten dasselbe, was für sie später
rat Dr. politisch der 18. Januar 1871 wurde. Das Gewicht der materiellen Interessen machte sich eben unter dem Einilusse der sich
Steqemann. bereits vorbereitenden grossindusiriellen Entwickelung des Gewerbebefriebes schon vor der Zeit mit zwingender Kralt geltend.
Der Norddeutsche Bund, namentlih aber das Deuishe Reih hat dann das Werk der wirtschaftlichen Einigung zum
Abschluss und zur Vollendung gebracht. Durch Ausgestaltung des Konsulaiswesens, durch den Ausbau der Kriegsmarine,
namentlich auch durch Abschluss von Bandelsverträgen suchte das Reich zu stülzen und zu fördern, was der deuische
Kaufmann jetzt mit einem ganz anderen Selbstvertrauen auf dem Weltmarkte für sich gewann. Diese Entwickelung ist indes
keineswegs eine jähe und unvermittelte gewesen. €s galt zunächst den Vorsprung, den das Ausland in seiner industriellen
Produktion voraus hatte. langsam und allmählich einzuholen. Der deutsche Handel hat in dieser Beziehung seine Aufgaben
voll erfüllt, er bat der deutschen Indusirie nicht nur die für ihre Erhaltung nolwendigen Absalzgebiete erölfnel,
sondern auch unausgeselzt diejenigen Fingerzeige gegeben, welcher dieselbe für ihre innere Vervollkommmung bedurite.
Die Erfolge sind für beide Ceile nicht ausgeblieben. Die Einfuhr Deutschlands bat sich dem Werte nach von 3468 Millionen
Mark im Jahre 1872 auf 4646 Millionen Mark im Jahre 1897 gesteigert, und die Ausfuhr ist in diesen 25 Jahren von
2495 Millionen auf 3653 Millionen Mark gestiegen.
Unter den bandeltreibenden Nationen nimmt Deutschland heute die zweite Stelle ein. Unsere handelsfloite rangieri, was
die Zahl der Schilfe angeht, hinter Grossbritannien, den Uereinigien Staaten und Norwegen, was die Cragfähigkeit der
Fahrzeuge betrifft, sogar schon an dritter Stelle. Die Zeit, wo man im Auslande nur einen Hamburger oder Bremer Handel
kannte, liegt binter uns. Auch Binnenstädte wie Berlin, Leipzig und Frankfurt a. M. sind zu Welthandelsplätzen geworden,
und daneben giebi es zahlreiche Industriezentren wie Hachen, Remscheid, Barmen-Elberfeld, Chemnitz, Krefeld u. s. w., in
denen sich der entsprechende Grosshandel zu selbständiger Bedeutung emporgeschwungen bat.
Ob diese Entwickelung auch im kommenden Jahrbundert anhalten, ob Deutschland auch weiterhin in steigendem Umfange
seine Industrieerzeugnisse an das Ausland wird abgeben können, das ist eine Trage, die man gegenüber dem allseitig
heruortreienden Bestreben der Absatzgebiete, sich von fremder Einfuhr unabhängig zu machen, heute nur schwer beaniworten
kann. Die Bandelspolitik Deuischlands hat eine Zeitlang jede vertragsmässige Bindung unseres Austauschverkehrs mit dem
Auslande vorsichtig vermieden und sich in der Baupfsache mit Meisibegünstigungsverträgen begnügt, neuerdings ist man,
um der Industrie die von ihr gewünschten stabilen Verhällnisse zu vermitteln, zum Abschluss fester Carifverträge über:
gegangen. Wie ernst das Reich die ihm im dieser Binsicht obliegenden Verpilichtungen auffasst, geht daraus hervor, dass
schon heute an einer bis ins einzelne gehenden Aufnahme der gesamten deutschen Produktion gearbeitet wird, weldye die
Grundlage für die im kommenden Jahrhundert abzuschliessenden neuen Bandelsverträge bilden soll.
Unter dem Einflusse des sich mächtig entwickelnden Binnen- und Aussenhandels hat bei uns auch das Geld- und Krediiwesen
einen vollständigen Umschwung eriabren. Der @hbeck- und Giroverkehr hat sich in einem nie geahnten Umfange entwickelt,
in dem Insütute der Reichsbank, dessen vorzügliche Organisafion das ganze Reich überspannt, hat der geschäftliche Geldverkehr
einen zuverlässigen und jeder Zeit leistungsfähigen Mitielpunkt erhalten. Die Finforderungen, welche die grossindusiriell
entwickelten Gewerbe an den Kredit stellen, sind durch die Ausbildung des Effektengeschäfts und die Errichtung
der Emissionsbanken, die geradezu eine beberrschende Bedeutung gewonnen haben, erfüllt. Das Kreditbedürinis der kleineren
Wirtschatisleben 56