Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Achter Jahrgang. 1892. (33)

114  Auf  den  Kriegsschauplätzen

ihren  ursprünglichen  Bewohnern  verlassen  und  dafür  mit  Familien  aus
Ortschaften  an  der  Grenze  übervölkert  waren.  Da  die  Gegend  von  Reims
und  Chälons  späterhin  Kampfgelände  wurde,  so  kann  man  sich  das
Schicksal  dieser  Familien  vorstellen,  das  um  so  ergreifender  ist,  wenn
man  es  mit  demjenigen  vergleicht,  das  ihnen  beschieden  gewesen  wäre,
wenn  sie  in  ihren  weit  hinter  der  Kampffront  liegenden  Heimatorten
geblieben  wären.

Gleiches  Unglück  brachte  die  Vorkriegspropaganda  über  das  belgische
Volk.  Sie  hatte  Haß  erzeugt  und  die  Bevölkerung  planmäßig  in  den
Dienst  der  Kriegführung  gestellt.

Diese  Rücksichtslosigkeit  gegen  die  eigene  Bevölkerung  zeichnete  die
Propaganda  auch  fernerhin  aus.  Mit  allen  Mitteln  wurde  die  Bevölkerung
  aufgehetzt.  Dies  geschah  nicht  nur  durch  abgeworfene  Flugblätter,
sondern  durch  Boten  und  Flugblätter  aus  Holland,  durch  den  Druck
und  die  Verbreitung  sogenannter  Lügenzeitungen  im  besetzten  Gebiet
selbst.  Die  Stimmung,  die  hiermit  erzeugt  wurde,  bildete  zugleich  den
besten  Nährboden  für  die  Spionage.  Zahlreiche  geheime  Druckereien,
auf  das  Raffinierteste  versteckt,  wurden  festgestellt.  Nebenbei  beschäftigten
  sich  diese  Druckereien  auch  mit  der  Herstellung  falscher  Ausweispapiere
  und  Urlaubsscheine  für  deutsche  Soldaten,  mit  Hilfe  derer
man  versuchte,  sie  zur  Desertion  zu  werben  und  diese  ihnen  zu  erleichtern.


Die  Lügenzeitungen  machten  ihrem  Namen  Ehre.  Jur  geit  der  größten
Siege  der  deutschen  Waffen  wurden  schwere  deutsche  Niederlagen  berichtet.
  Die  Russen  wurden  immer  noch  im  Vormarsch  auf  Berlin  gemeldet,
  als  sie  schon  längst  über  die  Grenze  zurückgeworfen  waren.
Von  der  Bevölkerung  übertrug  sich  diese  Propaganda  auf  die  Gefangenen,
  die  sie  wiederum  in  den  Gefangenenlagern  in  Deutschland
verbreiteten.  Ihre  Wirkung  war  ungeheuer  zähe.  So  waren  z.  B.
russische  Kriegsgefangene,  die  in  der  Gegend  von  Metz  arbeiteten  und
den  Kanonendonner  von  der  französischen  Front  hörten,  nicht  davon  zu
überzeugen,  daß  sie  fast  auf  französischem  Boden  seien.  Sie  blieben
dabei,  daß  sie  in  der  Gegend  von  Berlin  wären  und  daß  der  Kanonendonner
  den  Vormarsch  der  Franzosen  verkünde.  Mancher  Deutsche  bemühte
  sich,  die  Bevölkerung  über  die  wahre  Kriegslage  aufzuklären.
Außerlich  wurde  ihm  achtungsvolles  Staunen  und  Gläubigkeit  entgegengebracht.
  In  Wirklichkeit  aber  konnte  festgestellt  werden,  daß  viele