Full text : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1893. (84)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (April  30.—Mai  2.)  63

könnten,  habe  nur  Heiterkeit  erregt.  Auch  der  Versuch,  den  Antrag  gruene
als  Sündenbock  für  die  Regierung  zu  schlachten,  sei  als  verfehlt  anzusehen.
Die  Gründe  müßten  an  einer  anderen  Stelle  gesucht  werden.  Wenn  nicht
volle  Klarheit  darüber  geschaffen  werde,  welche  sachliche  Schwierigkeiten  der
Einlösung  der  in  der  Thronrede  enthaltenen  Reform-Verheißung  sich  hindernd
in  den  Weg  gestellt  haben,  so  werde  das  Gefühl,  daß  in  der  Leitung  unserer
  inneren  Angelegenheiten  eine  bedenkliche  Unsicherheit  sich  geltend  mache,
eine  wenig  wünschenswerte  Ausbeutung  erfahren.“

Die  „National-Zeitung“  bemerkt:

„Den  Eindruck  der  Enttäuschung  ist  es  unmöglich  in  Abrede  zu
ziehen,  welchen  der,  treffender  als  ein  Abbruch  zu  bezeichnende  Schluß  der
Landtagssession  auf  allen  Seiten  hervorruft.  Abgeordnete  und  Publikum
befinden  sich  bei  diesem  Akte  etwa  wie  Leute,  welche  stundenlang  auf  die
vorher  feierlich  angekündigte  Ankunft  irgend  einer  illustren  Persönlichkeit  gewartet
  haben  und  nun  plötzlich  vernehmen,  dieselbe  sei  hinten  um  den  Ort
herumgefahren,  um  erst  einige  Stationen  weiter  entfernt  Halt  zu  machen.
Angenehm  ist  die  hieraus  entstehende  Stimmung  sicherlich  nicht,  und  dasselbe
  gilt  von  dem  Eindrucke,  welchen  der  plötzliche  Schluß  der  Reichstagssession,
  ohne  daß  die  in  der  Thronrede  verheißene  Steuerreformvorlage  noch
erschienen  wäre,  hervorgerufen  hat,  hervorufen  mußte."“

30.  April.  (Unfallverhütungsausstellung.)  Kaiser
Wilhelm  eröffnet  die  Unfallverhütungsausstellung  mit  folgender

Rede:

„Es  gereicht  Mir  zur  besonderen  Befriedigung,  diese  Ausstellung  zu
eröffnen.  Mit  Freuden  begrüße  Ich  auch  diesen  Beweis  der  Bestrebungen,
dem  gewerblichen  Arbeiter  gegen  die  in  neuerer  Zeit  gesteigerten  Gefahren
seines  Berufs  erhöhte  Sicherheit  zu  gewähren,  die  wirtschaftliche  Lage  der
arbeitenden  Bevölkerung  durch  organische  Maßnahmen  zu  heben  und  dem
Gedanken  thatträftiger  Nächstenliebe  auch  in  unseren  öffentlich-rechtlichen
Einrichtungen  Ausdruck  zu  geben.  Die  Mit=  und  Nachwelt  wird  es  Meinem
in  Gott  ruhenden  Herrn  Großvater  nie  vergessen,  daß  es  Sein  Verdienst
war,  die  Bedeutung  dieser  Bestrebungen  für  das  Gemeinwesen  zum  allgemeinen
  Bewußtsein  gebracht  zu  haben.  Mit  voller  Ueberzeugung  von  der
Notwendigkeit  ihrer  Lösung  bin  Ich  an  die  sozialen  Aufgaben  herangetreten,
deren  Erledigung  noch  vor  uns  liegt.  Ich  rechne  dabei  auf  die  verständnisvolle
  und  freudige  Mitarbeit  aller  Kreise  der  Bevölkerung,  insbesondere  der
Arbeiter,  um  deren  Wohlfahrt  es  sich  bei  diesen  Aufgaben  handelt,  und  der
Arbeitgeber,  welche  im  eigenen  Interesse  bereit  sind,  die  daraus  für  sie  erwachsenden
  Opfer  zu  bringen.  Auch  die  Ausstellung  für  Unfallverhütung
und  Arbeiterschutz  ist  eine  Frucht  dieser  Bestrebungen.  Sie  beweist,  wie
weit  bisher  die  Vorschriften  der  Gesetze  im  praktischen  Leben  Gestalt  gewonnen
  haben.  Die  Mühe  und  Arbeit,  die  erforderlich  war,  um  das  Werk  zu
stande  zu  bringen,  wird  —  Ich  hoffe  es  zu  Gott  —  nicht  ohne  reichen
Segen  bleiben.  Allen,  die  dabei  mitgewirkt  haben,  spreche  Ich  Meinen  Dank
und  Meine  Anerkennung  aus.  Möge  die  Ausstellung  dazu  beitragen,  allen
beteiligten  Kreisen  das  zur  Anschauung  zu  bringen,  was  geschehen  kann,  um
den  Arbeiter  zu  schützen  und  seine  Interessen  zu  fördern.  Ich  erkläre  die
allgemeine  Ausstellung  für  Unfallverhütung  hiermit  für  eröffnet."

2.  Mai.  (Bergarbeiterstreik  im  Ruhrgebiet.)  In  der
Rheinprovinz  und  Westfalen  beginnt  ein  großer  Streik  der  Berg-