Full text : Regierung und Volkswille.

Caprivi  und  die
Freisinnigen.

150  Die  Krisis  von  1892.

macht,  die  aber  abgewiesen  wurden),  und  das  Zentrum,
dessen  Hilfe  nur  um  sehr  hohen  Preis  zu  haben  war.  Es
ist  ũberaus  schwer  für  Parteien,  die  einmal  in  der  radikalen
Opposition  sind,  in  eine  positive  Stellung  hineinzurücken.

Ich  kann  da  wieder  eine  Erinnerung  aus  meinem  eigenen
Parlamentsleben  einflechten.  Die  deutsch- freisinnige  Partei
hatte  sich  gebildet  im  Jahre  1884,  etwa  100  Mitglieder
stark,  durch  die  Vereinigung  der  alten  Fortschrittspartei  mit
einer  Absonderung  von  den  Nationalliberalen,  vielen  höchst
bedeutenden  Leuten  darunter.  Nun  war  Bismarck  abgegangen.
  Caprivi  suchte  mit  der  Linken  ein  besseres  Verhältnis.
  Die  Russen  hatten  schon  in  den  80er  Jahren
begonnen,  die  drohende  Stellung  gegen  uns  einzunehmen,
die  sie  heute  noch  festhalten.  Es  war  eine  große  Verstärkung
  der  Armee  notwendig,  und  da  bot  im  Jahre  1892
Caprivi  der  Linken  die  Konzession,  um  die  sie  30  Jahre
vergeblich  gefochten  hatte,  die  zweijährige  Dienstzeit.  Kaiser
Wilhelm  der  Alte  hielt  es  schlechterdings  für  unmöglich,
die  Armee  auf  dem  hohen  Stand  der  Ausbildung  zu  halten
ohne  die  dreijährige  Dienstzeit;  darüber  war  im  Jahre  1861
der  Konflikt  mit  dem  Abgeordnetenhause  ausgebrochen.  Jetzt
bot  Caprivi,  natürlich  gegen  Kompensation,  gegen  eine  starke
Erweiterung  der  Aushebung,  die  ja  weit  hinter  dem  zurückbleibt,
  was  wirklich  geleistet  werden  könnte  (auch  heute  sind
wir  noch  immer  in  der  Lage,  daß  bei  weitem  nicht  alle
Männer,  die  tatsächlich  geeignet  sind,  eingezogen  werden),
diese  Konzession  der  zweijährigen  Dienstzeit.  Die  Verkürzung
der  Dienstzeit  brachte  also  keine  Ersparnis,  sondern  kostete
etwas,  und  daraufhin  machte  die  freisinnige  Volkspartei
diesem  Vorschlag  Opposition.

Mir  schwebte  damals  schon  jenes  Ideal  vor,  daß  der
Fürst  Bülow  für  einen  Moment  durchgeführt  hat  im  so-