94 II. AM WELTPOLITISCHEN WENDEPUNKT.
Metternich, der damals noch Gesandter in Hamburg, aber schon
zum Nachfolger des schwerleidenden Grafen Hatzfeldt für den
Londoner Botschafterposten in Aussicht genommen war. In
dem Bericht hieß es u.a.: Für den Fall, daß die Vereinigten Staaten
einmal Appetit auf Kanada kriegen würden und dann Rußland
mit den Engländern in Asien Abrechnung halten wollte, wäre
ein Bündnis Englands mit dem Dreibund ein großes Hindernis
für den russischen Plan und wahrscheinlich würden dann die
Russen ihren ganzen Haß auf Deutschland konzentrieren. Dazu
bemerkte Graf Bülow: ‚Das ist das Hauptbedenken gegen jede
Verständigung mit England, daß die Russen (Hof und öffentliche
Meinung) ihre ganze Enttäuschung und Wut gegen uns richten
und die Engländer dies benutzen würden, um trotz dem Bündnis
sich gut mit Rußland zu stellen und uns in kolonialen Fragen
zu brüskieren“ (Bd. XVII S. 63—82).
In dieser Atmosphäre des Grübelns und Zauderns und
Argwohns konnte der Bündnisgedanke wirklich nicht zu einem
lebenskräftigen Gebilde gedeihen.
Am 9. Juli 1901 meldete Geschäftsträger Frhr. v. Eckardstein,
durch den englischen Botschafter in Berlin, Sir Frank
Lascelles, bei dessen Anwesenheit in England erfahren zu haben,
daß Lord Salisbury bis auf weiteres keine Notwendigkeit für eine
Wiederaufnahme der Bündnisfrage sähe. Der Botschafter hätte
hinzugefügt, der Kaiser habe von den Bündnisgesprächen gehört
und wünsche, die Sache durchgeführt zu schen. Aus den Akten
geht hervor, daß dem Kaiser keine Schriftstücke vom Auswärtigen
Amt vorgelegt worden waren, abgesehen von einzelnen,
die keinen vollen Einblick gewährten. Daher fehlen auch die
sonst üblichen Randvermerke des Kaisers. Offenbar hat der
Kanzler Graf Bülow dem Kaiser wiederholt oder fortlaufend
mündlichen Vortrag über den Stand der Bündnisverhandlungen
gehalten, ihn auch gelegentlich brieflich beraten. Bei dem Besuche
des Königs Eduard in Wilhelmshöhe (25. August) hatte
er seinem Gast, als die Bündnisfrage gestreift wurde, erklärt,
ohne die beiden Bedingungen, Ratifizierung durch das Parlament
und Beteiligung seiner Verbündeten, werde er sich auf nichts