Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

382  Beutsches  Reic.  (März  30.)

frivole  Wort,  wir  können  Gott  auf  den  Knien  danken,  daß  unser  Friedensangebot
  zurückgewiesen  ist.  Es  muß  aufs  schärfste  gegen  alle  Versuche  protestiert
  werden,  die  deutsche  Regierung  von  dem  Boden  ihrer  Friedensbereitschaft
  abzudrängen.  In  dem  Armeebesehl  des  Kaisers  war  klar  ausgesprochen,
  daß  die  Regierung  an  dieser  Friedensbereitschaft  festhält,  denn
es  hieß  darin,  wir  müssen  jetzt  die  Feinde  mit  den  Waffen  zu  der  Verständigung
  zwingen.  Es  ist  wertvoll,  daß  man  in  Rußland  und  auch  im
Westen  weiß,  daß  die  Regierung  auf  diesem  Standpunkt  verharrt.  Würden
die  Alldeutschen  mit  ihren  Zielen  durchdringen,  so  würde  das  auch  zu
einem  Konflikt  innerhalb  der  Mittelmächte  führen,  denn  auch  die  österreichischen
  Staatsmänner  haben  keinen  Zweifel  darüber  gelassen,  daß  sie  zu
einem  Verständigungsfrieden  bereit  sind.  Bezeichnend  ist,  daß  die  Scharfmacher
  nach  außen  die  schärfsten  Gegner  jeder  Neuorientierung  im
Innern  sind.  Sie  erklären,  die  Neuorientierung  sei  eine  Gefahr  für  die
Monarchie.  Ein  wirklich  soziales  Königtum  würde  den  Kampf  aufnehmen
müssen  mit  den  Herren,  die  sich  heute  als  Monarchisten  katexochen  bezeichnen.
  Wenn  das  Deutsche  Reich  ein  Staat  wie  Preußen  mit  seinem
Wahlrecht  und  seinem  Herrenhause  wäre,  wäre  es  in  diesem  Kriege  elend
zusammengebrochen.  Der  Reichstag  allein  hat  verhütet,  daß  die  Einheit
im  deutschen  Volke  auseinanderbrach.  Ohne  Reichstag  wäre  kein  4.  Aug.  1914
möglich  gewesen,  wäre  diese  erste  große  gewonnene  Schlacht  Deutschlands
nicht  gewonnen  worden.  Das  einzige,  was  uns  in  diesem  Kriege  retten  kann,
ist  die  geschlossene  Einheit  des  Volkes  gegenüber  einer  Welt  von  Feinden,
und  sie  wäre  nicht  erreicht  worden  ohne  den  Reichstag.  Wenn  es  nach
dem  Herrenhause  gegangen  wäre,  wäre  wahrscheinlich  das  russische  Vorbild
  nur  ein  deutsches  Nachbild  gewesen.  Der  Reichstag  des  allgemeinen,
gleichen  und  geheimen  Wahlrechts  hat  das  deutsche  Volk  vor  diesem  Schicksal
bewahrt.  Die  Herrenhausmitglieder  machen  zum  Teil  den  Eindruck
mumifjzierter  Exemplare  vormärzlicher  Grandseigneurs.  Sie  sind  dadurch
mächtig,  daß  ihre  Vetternschaft  in  allen  einflußreichen  Stellen  bei  Hof,  in
der  Armee,  in  der  Diplomatie  und  Verwaltung  sitzt.  Sie  haben  bis  jetzt
jeden  Kanzler  gestürzt,  der  ihnen  zu  modern  war.  Auch  dem  jetzigen
Reichskanzler  haben  sie  Todfeindschaft  geschworen,  wenn  er  mit  der  Neuorientierung
  ernst  macht.  Warum  wird  in  der  Wahlrechtsfrage  kein  Königswort
  gesprochen?  Den  König  von  Preußen  könnten  die  Herren  doch  so
leicht  nicht  absetzen.  Das  frühere  Königswort  ist  zu  sehr  abgeschwächt
worden  dadurch,  daß  man  es  als  erfüllt  durch  die  frühere  Vorlage  hinstellte,
  es  ist  jetzt  nicht  mehr  vollwertig.  Die  Reichsleitung  möge  sich  entschließen,
  das  Dreiklassenwahlsystem  und  das  Herrenhaus  auf  demselben
  Wege  zu  beseitigen,  auf  dem  es  seinerzeit  geschaffen  ist.  Möge  es
hier  heißen:  Der  Herr  hat's  gegeben,  der  Herr  hat's  genommen.  Dem  Willen
des  Königs  werden  sich  die  Herren  doch  fügen,  sie  sind  ja  Monarchisten.
Ich  freue  mich,  daß  die  Volkspartei  und  die  Nationalliberalen  so  energisch
ihren  Willen  zur  sofortigen  preußischen  Wahlrechtsreform  bekundet  haben.
Ich  bedauere,  daß  es  vom  Zentrum  nicht  auch  geschehen  ist.  Es  ist  eine
Programmforderung  des  Zentrums,  für  die  eine  Mehrheit  vorhanden  ist.
Soll  diese  Mehrheit  ohne  Sie  gebildet  werden?  Der  Kanzler  hat  zurzeit
ein  „Nein“  gesprochen.  Das  bedauern  wir  aufs  tiefste.  Die  Gewährung
des  allgemeinen  direkten  Wahlrechts  für  Preußen  in  dieser  Stunde  wäre
für  Deutschland  eine  befreiende  Tat.  Der  Reichskanzler  meinte,  im  Reiche
könnte  man  schon  zur  Neuorientierung  schreiten,  und  verkündete  die  Aenderung
  der  alten  Polengesetzgebung.  Das  ist  immerhin  begrüßenswert,  und
ich  verstehe  ihn  dahin,  daß  die  Reichsregierung  mit  der  Einsetzung  eines
Ausschusses  zur  Prüfung  der  Neuregelung  der  verfassungsrechtlichen  Be-