Full text : Das Königreich Württemberg. Zweiter Band_1. (2)

Thierzucht.  589

Die  Centralstelle  hatte  1850—1869  einen  Techniker  zur  Berathung  in
Seidenzuchtangelegenheiten  für  das  Kollegium  und  für  das  Land  aufgestellt.
  In  den  Jahren  1846—4865  ließ  ein  besonderer  Verein  für
vaterländische  Seidenzucht  die  Hebung  derselben  sich  angelegen  sein.

In  runder  Summe  existirten  1863  8600  Hochstämme,  38.000  Buschbäume
  und  etwa  55.000  Heckenpflanzen.  Im  Laufe  der  vorhergehenden
  15  Jahre  wurden  im  Lande  durchschnittlich  1000  Pfd.  Cocons  erzeugt.
Die  seuchenartig  in  mehreren  Jahren  auftretende  Raupenkrankheit  dezimirte
aber  in  6  Jahren  fast  alle  Zuchten.  Die  Eier  wurden  früher  fast
ausschließlich  vom  Institut  Hohenheim  aus  im  Lande  verbreitet,  allein
seit  dem  Auftreten  der  Krankheit  ließ  der  Seidenzuchtverein  Eier  aus.
Frankreich,  Persien,  China,  Berlin,  Darmstadt  kommen,  jedoch  ohne
günstigen  Erfolg.

Die  einzige  Seidenabhaspelungsanstalt  in  Württemberg  ist  die  in
Hohenheim  nach  dem  System  von  Bourcier  und  Morel,  mit  Dampfheizung
  und  6  Haspeln  eingerichtete.  Sir  kaufte  von  den  inländischen
Züchtern  die  Cocons  zu  solchen  Preisen,  daß  damit  eine  Prämie  für  den
Züchter  ertheilt  war.

Niemals  hat  der  Erfolg  den  Opfern  und  Bemühungen  entsprochen
und  es  kann  die  Frage,  ob  es  möglich  ist,  die  Seidenzucht  in  Württemberg
zu  einem  volkswirthschaftlichen  Gewerbe  zu  erheben,  zur  Zeit  als  eine
abgeschlossene  betrachtet  werden.  Meistens  waren  es  nur  einzelne  Liebhaber,
  welche  in  der  besten  Absicht,  um  ein  aufmunterndes  Beispiel  zu
geben,  die  Sache  ergriffen  hatten,  oder  es  waren  solche,  welche  durch
Aufmunterung,  Zuspruch  und  Prämien  sich  bestimmen  ließen,  einen
Versuch  mit  der  Seidenzucht  zu  machen.  Nur  in  einzelnen  Fällen  ist
die  Seidenzucht  für  den  Züchter  zu  einer  reinen  Einnahmequelle  geworden
und  auch  bei  diesen  wenigen  kann  nach  der  Art  und  Weise  ihres  Betriebes
  die  Rente  noch  sehr  in  Frage  gestellt  werden.  Zuweilen  hatte
der  Verkauf  von  Eiern  ins  Ausland  unbestreitbar  pekuniäre  Vortheile
gebracht,  welche  Ausnahmefälle  jedoch  bei  Berechnung  des  Werthes  einer
allgemeineren  Verbreitung  des  Seidenbaues  im  Lande  nicht  in  Anschlag
gebracht  werden  dürfen.

Der  Verbreitung  und  dem  Gedeihen  der  Seidenzucht  in  Württemberg
stehen  hauptsächlich  klimatische  Verhältnisse  entgegen,  welche  eine  im  Vergleich
  mit  den  konkurrirenden  Ländern  zu  kurze  Vegetationsperiode  unseren
Maulbeerpflanzen  gewähren;  wegen  des  später  beginnenden  Frühjahres
werden  die  Pflanzen  so  spät  bei  der  Ernte  entlaubt,  daß  sie  nur  noch
eine  kurze  Zeit  vor  dem  früher  beginnenden  Herbste  vor  sich  haben,  um
sich  wieder  neu  zu  belauben  und  die  neuen  Triebe  zur  Verholzung
kommen  zu  lassen;  der  strengere  Winter  läßt  diese  unentwickelten  weichen