Der Befehlshaber ber Belagerungsarmee von Antwerpen, General von Beseler, ließ durch Vermittlung
der in Brüssel beglaubigten Vertreter der neutralen Staaten gestern nachmittag die Behörden Antwerpens
von dem Bevorstehen der Beschießung verständigen. Die Beschießung der Stabt hat um Mitternacht (auf
Donnerstag, den 8. Oktober) begonnen.
Den Blättern zufolge erwog die Regierung, der Stadt ein Bombardement zu ersparen. Die weiße Flagge
sollte gehißt werden, sobald die zweite Festungslinie gefallen sei, aber die Bevölkerung scheint eine Verteidigung
der Stabt bis zum letzten Haus zu verlangen. Es fallen jetzt ziemlich viel Bomben von deutschen Flugzeugen
auf die Stadt. Das heftige Schießen in der letzten Nacht verursachte in Antwerpen eine starke Panik
besonders unter den niederen Klassen der Bevölkerung. Die Bahnhöfe wurden gestürmt. Die Züge nach Holland
sind mit Flüchtlingen überfüllt. Die Deutschen erzwangen den Übergang über die Nethe. Lierre und
Conich sind in Brand geschossen. Die Deutschen dringen durch die Lücke zwischen Conich und Vieux Dieu
vor und beschießen die innere Fortlinie. Laut einem Londoner Commumiqué leistet die Garnison verzweifelten
Widerstand. Die Deutschen rückten ihre Stellungen dicht bis vor Antwerpen vor. — Der Übergang über
die Nethe gelang am Dienstag, den 6. Oktober, nachdem die Artillerie ein lang andauerndes heftiges Gefecht
gegen die Fortifikation Puers geliefert hatte. Die Deutschen operierten in dem Dreieck Lierre — Puers
— Antwerpen und ließen Pionierabteilungen das andere Ufer schwimmend erreichen. Es gelang nach wiederholten
Versuchen unter großen Verlusten. Sobald der Übergang über die Nethe hergestellt war, wurde auf
dem anderen Ufer schwere Artillerie aufgestellt. Infanterieangriffe folgten auf die Kanonade zugleich mit Frontangriffen
auf das Fort Puers. Der Kampf wurde gestern abend fortgesetzt. Die Belgier sprengten die über
die Nethe gelegten Brücken, aber mit Todesverachtung schlugen die Pioniere neue starke Übergänge über den
Fluß.
Nach Pariser Meldungen sollen 8 Millionen russische Soldaten unter den Fahnen stehen.
Die serbische Regierung ist von Nisch nach Usküb übergesiedelt.
Hans politisiert:
Daß England, nachdem es schon das arme Belgien dem Untergange entgegengeführt, nun seine Fühlhörner
nach einem anderen Opfer ausstreckt, das ersieht man aus seinem Liebeswerben um das republikonische
Portugal und seinen Exkönig Manuel. Schon seit Monaten arbeiten sie an dem Plane, in Portugal mit
englischem Gelde eine große Bewegung zugunsten eines Anschlusses an Frankreich und England zu führen.
Für Portugals Hilfe sichert England das deutsche Ambo= und Damaraland bis zum 22. Grad südlicher
Breite und von Deutsch-Ostafrika den Südteil bis zum 10. Grad inklusive Linde als Beute zu. Die portugiesischen
Hilfstruppen sollen über Nantes nach Orleans gebracht werden. Im Kampfe gegen die Barbaren
soll dann plötzlich König Manuel als Führer der portugiesischen Truppen erscheinen, um sich später
von seinen ruhmgekrönten Soldaten zurückführen zu lassen.
Sehr schön gedacht! aber es fragt sich, ob König Manuel sich nicht an König Albert und dessen ruhmgekröntem
Volk ein abschreckendes Beispiel nimmt. Vielleicht läßt auch er sich verblenden und geht in das verlockende
Verderben.
Aus Konstantinopel wird gemelbet: Die neue Aufstandsbewegung in Marokko gewinnt an Ausdebnung.
Die angesehensten Häuptlinge ziehen von Stamm zu Stamm und verkünden, daß der Heilige Krieg gegen
Frankreich proklamiert sei.
32 deutsche Handelsschiffe und über 20 Rheinschiffe, darunter der Lloyddampfer Gneisenau und große
Seedompfer sind heute, den 9. Oktober im Hafen von Antwerpen auf Betreiben der Engländer in die Luft
gesprengt worden, da Holland dem Verlangen, die Dampfer zum Abtransport von Flüchtlingen aus der Garnison
nach England durchzulassen, nicht stattgab.
König Albert wollte gestern vor dem Beschießen der Stadt diese übergeben, er wurde aber von englischer
Seite daran verhindert. Nach allen Berichten ergibt sich klar, daß vor allem die Engländer den Widerstand
Antwerpens organisierten. Der Oberbefehl ist in ihre Hände übergegangen. Sie wissen, daß der Fall Ant-114