Bethmann hatte die tiefe innere Zerklüftung des deutschen Volkes nicht
geschaffen · er hatte sle vorgefunden. Er suchte sie zu bekämpfen mit den Mitteln
des Verständnisses und Entgegenkommens gegenüber Strömungen, die er für
unbemmbar und in wesentlichen Grundzügen für berechtigt hielt. Er suchte
dle große Unterlassungosünde seiner Vorgänger, die Versäumung der Anpassung
des deutschen Verfassungslebens an die in der Tiefe veränderte soziale und
seelische Struktur des deutschen Volkes, nach Kräften gutzumachen und dadurch
den guten Willen und die Aufopferungsbereltschaft der Massen, ohne die der
Krleg nicht weltergeführt, geschweige denn gewonnen werden konnte, aufs
neue an die bestehende Staatsform zu fesseln. Ludendorff ist der Melnung,
es wäre elchtlger gewesen, mit starker Hand durchzugrelfen, alle Versuche zur
Aufrollung innerpolitischer Meinungsverschledenbelten und Ansprüche während
des Krleges zu unterdrücken, ebenso wic jede Kundgebung, dle seitens dee
Feindes als Schwächcäußerung aufgefaßt werden konnte.
Es lst unmöglich, zu entscheiden, welche Auffassung das Alchtige trlfft.
Wer will beurteilen, welches die Wirkung der von Ludendorff empfohlenen
und ersehnten Diktatur des starken Mannes gewesen wäre?! Die Entente hat
dies Verfahren angewandt und dadurch ihre Bölker über alle Krisen binweggerlssen.
Aber war ihre Lage nicht unvergleichlich weniger schwer als dic unsere?
Wurden ihre Völker nicht um ein Blelfaches miuder hart als das unsere geprüft?
War ihre nationale Geschlossenheit ulcht vlel größer? Ihre politische Entwicklung
nicht weit fortgeschrittener, die Gegensätze nicht weit minder schroff als bei uns?
Es läßt sich zum mindesten nicht feststellen, ob eine scharfmacherische Haltung
der Reglerung gegen die Ansprüche der breiten Volkekreise auf Sicherstellung
ihree Antelle an der politischen Leltung der Nation ulcht olellelcht einen noch viel
schnelleren und jäheren Ausbruch der Volkeleldenschaft und eine Katastrophe
berbeigeführt hätte wie sene, unter der Rußland zerbrach.
Betbhmann hat getan, was er nach seiner ganzen politlschen und menschlichen
Einstellung zu tun vermochte. Es ist unmöglich, ihm bier kategorisch vorzuwerfen,
er habe cs falsch gemacht.
Unzweifelhaft aber ist dles, daß er in einer anderen Frage schwere und
entscheldende Säumnisse begangen hat: in der Frage des Friedensproblems.
Unzweldeutig hatte die Entente in ihrer Antwort auf Wilsone Friedensnote
ihre Kriegezlele offendart. Es ist unfaßbar, wie angesichte dleser Kundgebung
einee völlig Ntrupel- und pemmungelosen Bernichtungewillene in Deutschland
noch immer der Wahn bestehen und wachsen kounte, es sei auf den „Frleden
ohne Annexrionen und Kriegsentschädlgungen“ zu rechnen. Wenn solche Stimmungen
und Trugpvorstellungen im Volke bestanden und laut wurden, so laut,
daß der Feind sie Tag für Tag mit unverhohlenem Jauchzen beobachten konnte —
dann war ce freilich Sache der Reichsleltung, solchen Schwächeanwandlungen
mit fester Stirn und klarein Wort entgegenzutreten, um sle als das zu kennzeichnen,
was sle waren: ale gefährliche Utopien, als verhängnisvolle Phantastereien
ahnungsloser Schwarmgeister.
D ihr den Frichenenag
wer träumen mag!
# * das Losungswork,
Sieg! und so klingt en fort!-84