Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

Bethmann  hatte  die  tiefe  innere  Zerklüftung  des  deutschen  Volkes  nicht
geschaffen  ·  er  hatte  sle  vorgefunden.  Er  suchte  sie  zu  bekämpfen  mit  den  Mitteln
des  Verständnisses  und  Entgegenkommens  gegenüber  Strömungen,  die  er  für
unbemmbar  und  in  wesentlichen  Grundzügen  für  berechtigt  hielt.  Er  suchte
dle  große  Unterlassungosünde  seiner  Vorgänger,  die  Versäumung  der  Anpassung
des  deutschen  Verfassungslebens  an  die  in  der  Tiefe  veränderte  soziale  und
seelische  Struktur  des  deutschen  Volkes,  nach  Kräften  gutzumachen  und  dadurch
den  guten  Willen  und  die  Aufopferungsbereltschaft  der  Massen,  ohne  die  der
Krleg  nicht  weltergeführt,  geschweige  denn  gewonnen  werden  konnte,  aufs
neue  an  die  bestehende  Staatsform  zu  fesseln.  Ludendorff  ist  der  Melnung,
es  wäre  elchtlger  gewesen,  mit  starker  Hand  durchzugrelfen,  alle  Versuche  zur
Aufrollung  innerpolitischer  Meinungsverschledenbelten  und  Ansprüche  während
des  Krleges  zu  unterdrücken,  ebenso  wic  jede  Kundgebung,  dle  seitens  dee
Feindes  als  Schwächcäußerung  aufgefaßt  werden  konnte.

Es  lst  unmöglich,  zu  entscheiden,  welche  Auffassung  das  Alchtige  trlfft.
Wer  will  beurteilen,  welches  die  Wirkung  der  von  Ludendorff  empfohlenen
und  ersehnten  Diktatur  des  starken  Mannes  gewesen  wäre?!  Die  Entente  hat
dies  Verfahren  angewandt  und  dadurch  ihre  Bölker  über  alle  Krisen  binweggerlssen.
  Aber  war  ihre  Lage  nicht  unvergleichlich  weniger  schwer  als  dic  unsere?
Wurden  ihre  Völker  nicht  um  ein  Blelfaches  miuder  hart  als  das  unsere  geprüft?
War  ihre  nationale  Geschlossenheit  ulcht  vlel  größer?  Ihre  politische  Entwicklung
nicht  weit  fortgeschrittener,  die  Gegensätze  nicht  weit  minder  schroff  als  bei  uns?
Es  läßt  sich  zum  mindesten  nicht  feststellen,  ob  eine  scharfmacherische  Haltung
der  Reglerung  gegen  die  Ansprüche  der  breiten  Volkekreise  auf  Sicherstellung
ihree  Antelle  an  der  politischen  Leltung  der  Nation  ulcht  olellelcht  einen  noch  viel
schnelleren  und  jäheren  Ausbruch  der  Volkeleldenschaft  und  eine  Katastrophe
berbeigeführt  hätte  wie  sene,  unter  der  Rußland  zerbrach.

Betbhmann  hat  getan,  was  er  nach  seiner  ganzen  politlschen  und  menschlichen
  Einstellung  zu  tun  vermochte.  Es  ist  unmöglich,  ihm  bier  kategorisch  vorzuwerfen,
  er  habe  cs  falsch  gemacht.

Unzweifelhaft  aber  ist  dles,  daß  er  in  einer  anderen  Frage  schwere  und
entscheldende  Säumnisse  begangen  hat:  in  der  Frage  des  Friedensproblems.

Unzweldeutig  hatte  die  Entente  in  ihrer  Antwort  auf  Wilsone  Friedensnote
ihre  Kriegezlele  offendart.  Es  ist  unfaßbar,  wie  angesichte  dleser  Kundgebung
einee  völlig  Ntrupel-  und  pemmungelosen  Bernichtungewillene  in  Deutschland
noch  immer  der  Wahn  bestehen  und  wachsen  kounte,  es  sei  auf  den  „Frleden
ohne  Annexrionen  und  Kriegsentschädlgungen“  zu  rechnen.  Wenn  solche  Stimmungen
  und  Trugpvorstellungen  im  Volke  bestanden  und  laut  wurden,  so  laut,
daß  der  Feind  sie  Tag  für  Tag  mit  unverhohlenem  Jauchzen  beobachten  konnte  —
dann  war  ce  freilich  Sache  der  Reichsleltung,  solchen  Schwächeanwandlungen
mit  fester  Stirn  und  klarein  Wort  entgegenzutreten,  um  sle  als  das  zu  kennzeichnen,
  was  sle  waren:  ale  gefährliche  Utopien,  als  verhängnisvolle  Phantastereien
  ahnungsloser  Schwarmgeister.

D  ihr  den  Frichenenag
wer  träumen  mag!

#  *  das  Losungswork,

Sieg!  und  so  klingt  en  fort!-84