Die
Baukunst
von
Adolf
Rosenberg.
Kunsi dä
50 bietet die Berliner Bildhauerkunst am Ende des Jahrhunderts ein Bild höchster geistiger und technischer Regsamkeit und
Vielseiligkeit, aus dem als die Spilzen auf der einen Seite die Vertreter der älteren Richtung: Rudofi Siemering, der Schöpfer
des Leipziger Siegesdenkmals, Fritz Schaper (Goethe in Berlin, Bismarck in Köln), Ernst Berter und Emil Bundrieser
(Raiserdenkmal in Koblenz), auf der anderen Seite Reinhold Begas und seine Schüler, deren höchste Kraftäusserung das
Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I. darstellt, sowie die in Begas’ Geiste und Stilrichtung schaffenden Gustav Eberlein,
Otio Lessing, Walter Scholt, Joseph Uphues, Zuno von Uechiritz und Barro Maanussen hervorragen. -Deben ihnen sind als
die Uerkünder eines neuen, den krafivoll.energischen Geist umserer Zeit verkörperten Stils Ludwig Manzel (Monumental-
brunnen in Stettin), Adolf Brült und Peter Breuer in den Vordergrund getreten.
Die gleiche Entwickelung hat die Bildhauerkunst in München durchgemacht, wo die kurze romantische Episode (Schwanibaler)
keinen tieferen Einfluss geübt hat, die klassische Tradition vielmehr berrschend geblieben ist, bis sie durch die von Wagmüller
eingeführte malerische Richtung erschüttert wurde. Auch in München wurde allmählich die bildnerische Ausdrucksform auf
der Grundlage eines eindringenden Studiums der Natur, der deutschen Bildnerei des Mittelalters und der italienischen
Renaissance zu grösster Mannigfaltigkeit erweitert. Sie spiegelt sich in den {Verken eines Wilhelm Rümann, Ferdinand
von Miller, Christoph Roth, Beinrich Wadere und Rudolf Maison mit besonders scharf ausgeprägter Individualität wieder.
Ceils in München, teils in Florenz ist der einsam seinen Weg wandelnde Adoli Bildebrand ihälig.
Ausserhalb der beiden für die Bildhauerkunst unserer Zeit hauptsächlich in Betracht kommenden Kunststädte Deutschlands
hat Dresden ausser in Schilling noch in Robert Diez und Robert Benze, Karlsruhe in Bermann Volz, Stuttgart in Adolf
Donndorfl, Braunschweig in Karl Echtermeyer Erscheinungen von persönlichem Gepräge aufzuweisen.
Wenn wir nach Oesterreich hinüberblicken, so seben wir, dass die Bildbauerkunst dort schon seit einem Menschenalter eine
nationale Farbung angenommen bat. Der Sinn für beitere, Testliche Pracht, der sich besonders in der dekorativen Plastik
kundgiebi, die Freude an weicher Anmut und reicher Formenfülle, em stark entwickeltes Gefühl für musikalische
Rhythmen und die Abneigung gegen das Streng-Erbabene und Cragische sind zugleich Grundzüge des österreichischen, ins-
besondere des Wienerischen Volkscharakters, die sich auch auf eingewanderte Bildner, wie den Westfalen Kaspar Zumbusch,
den Schöpfer des Maria-Cheresiadenkmals, und den $achsen Ollo König übertragen haben. Deben dem jüngst verstorbenen
Victor Tilgner, dem Wien sein Mozartdenkmal dankt, sind Karl Kundmann (Schubertdenkmal), Rudolf Weyr, Johannes Benk
und der trelilihe Medailleur Anton Scharff die Baupiverireter dieses Wienerischen Geistes, der die Physiognomie der
deuischen Bildnerei um einen ihrer anmutigsten und geistvollsien Züge bereichert hat.
Bei einem Rückblick auf die im Laufe des Jahrhunderts durchmessene Entwickelung und einer Umschau unter den
Schöpfungen der letzten Jahrzehnte kann sich die deutsche Bildhauerkunst mit gerechtem Stolze sagen, dass sie sich alle
geistigen und technischen Ausdrucksmittel erworben hat, um den sinnlichen Erscheinungen dieser Welt gerecht zu werden.
Wenn im kommenden Jahrhundert neue Gedanken und Erscheinungen nach plaslischer Gestaltung drängen, darf sie sich
in der froben Zuversicht auf glücklihes Gelingen an die Lösung der neuen Aufgaben wagen. Adoli Rosenberg.
auler als in der Malerei und in der Bildhauerkunst ist der Ruf nach einem neuen, für das neunzehnte Jahrhundert
Zu bezeichnenden Stil auf dem Felde der Baukunst erhoben worden. Am Ende des ersien Viertels des Jahrhunderts stand
die neuaufgegangene Sonne des Griechentums im Zenith. Schinkel und Leo von Klenze wurden als die Befreier von den
iremdländischen Sklavenfesseln des Rokoko: und Zopistils mit Jubel begrüsst. Aber das moderne Griechenium fasste im
deutschen Wolke keine Wurzeln, weder im katholischen München, noch im protestantischen Berlin, tund über der ästhetischen
Beiriedigung, die sich wenigstens in Berlin Jahrzehnte hindurch lebendig erbiell, übersab man nicht, dass die mil dem
Jahrhundert fortschreitenden Anforderungen des modernen Lebens schnell über die engen Grenzen des griechischen Stils
hinauswuchsen.
Auch der gotische Sul, den die romantische Gegenbewegung gegen den Klassizismus anf den Schild erhoben hatte, bot
nissen der neuen Zeil eine angemessene Erscheinungsiorm zu geben. Da die schöpferische Phantasie der Zeitgenossen
versagle, rief ein kunsisinniger Fürst um die Mitte des Jahrbunderis die Kräfte des Verstandes zu Bilie. Maximilian IL
von Bayern mussie aber die Erfahrung machen, dass sich ein neuer Baustil nicht durch Preisausschreiben erzeugen lässt,
sondern dass sich neue Kunsilormen nur langsam aus den Ciefen des Uolksgeistes emporringen. {las sein dunkler
Schalfenstrieb nicht freiwillig gewährt, kann ıhın auch die Sonne des Mäcenafentums nicht abschmeicheln.
Seitdem haben wir fünfzig Jahre lang auf den glücklichen Augenblick des Gewährens vergeblich gewartet, und haben
es erlebt, dass die deutsche Baukunst unserer Zeit in einem Menschenaller noch einmal die Entwickelung von Jahrhunderten
durchlaufen bat. Der sich immer mehr ausdehnenden Neigung zur italienischen Renaissance traf nach dem Kriege von 1870
und 1871, als das deutsche Volk seiner grossen geschichtlichen Vergangenheit wieder froh geworden war, die patriofische
Begeisterung für die deuische Renaissance gegenüber, und nachdem diese schnell verflogen war, aeliel sich die Freude der
Entdecker in der Nachahmung aller übrigen Spielarien der Renaissance und ihrer weiteren Entwickelungsformen im Barock- und
Rokokostil. Endlid wurden auch die Schmuckformen des Orients und der ostasialischen Kulturländer, insbesondere Japans,
berangezogen, ınm die spärlichen Regungen des deuischen Kunsigeisies vollends zu ersticken.
Diese wilde Stiljagd wurde naturgemäss am lebhaflesien in Städten betrieben, wo ihr, wie z. B. in Berlin, die örtliche
lleberlieferung in Gestalt von geschichtlich ebrwürdigen oder künstlerisch bedeutsamen Baudenkmälern keinen Widerstand