8. Internationales Privatrecht. 713
weitergehender Zwang gerechtiertigt sein, als zu Gunsten einer bei einem inländischen
Gericht anhängigen Rechtssache, und die Verpflichtung zum Zeugniß insbesondere
als eine unmittelbar öffentliche Pflicht, welche die in einem Territorium sich aufhaltende
Person ergreift, kann, was mit jenem Refultate flbereinstimmt, nur von dem Gesetze
des derzeitigen. Ausenthaltsortes abhängen. Aber freilich könnte auch das Prozeß--gericht
nicht eine weitergehende Verpflichtung sordern, als seine Gesetze für angemessen
erachten
Das ersuchte Gericht hat die Formen zu beobachten, welche sein eigenes Gesetz
fordert. 5 384 der Deutschen Eivilprozeßordnung läßt freilich für eine im Auslande
vorgenommene Beweisaufnahme die Beobachtung auch nur der Deutschen Gesetze genügen,
was in mancher Beziehung unrichtig sein dürfte. Ob nicht das ersuchte
Gericht neben den in seinem Gesetze vorgeschriebenen Formen noch andere beobachten
könne, welche von dem ausländischen Gerichte besonders gefordert werden, ob es
z. B. die Eidesformel durch einen besondern Zusatz erweitern, die Unterschrift der
Partei unter ein Protokoll setzen lassen dürfe, wenn nach inländischem Rechte letzteres
nicht geschieht, muß davon abhängen, ob einerseits die Betheiligten gutwillig zu dem
entsprechenden Akte sich bereit finden, und ob andererseits das inländische Gesetz die
seiner Anficht nach nöthige Form zugleich als eine solche aufstellt, über welche unter
keinen Umständen hinausgegangen werden darf. Das Letztere festzustellen ist Sache der
Interpretation des einzelnen positiven Gesetzes; a priori kann man weder für die Zulässigkeit
noch für die Unzuläsfigkeit sich entscheiden. (Anscheinend scharf, aber gleichwol
unrichtig in dieser Beziehung neuerdings Bülow im Archiv für die civil.
Praxis 1881 S. 58, 59.) Es handelt sich hier in der That nicht um ein
Privatvergnügen der Parteien, sondern um eine billige Rücksichtnahme darauf, daß
die Gerichte eines anderen Staates über ein uner#äßliches Requifit bei bestimmten
Prozeßhandlungen andere Ansichten haben können als wir, und daß nicht Über bloßer
Buchstabenjurisprudenz das materielle Recht zu Grunde gehen soll.
Die Frage, welche Beweismittel in einem Prozeß gebraucht werden können
und unter welchen Voraussetzungen, muß im Allgemeinen von der Lexu fori, dem
Rechte des Prozeßgerichts, dem Obigen zufolge abhängen, und dies ist auch entschieden
die allgemeine Anficht (Anders neuerdings, aber nicht richtig Aff er-Cohn,
S. 89); wenn z. B. die Lex fori einen zugeschobenen Eid de credulitate in Ansehung
der fraglichen Thatsachen verwirft, so kann dieser Eid nicht deshalb vom Prozeßgericht
zugelassen werden, weil etwa die Lex loci contractus ihn gestatten würde.
Aber unter der Form, daß bestimmte Rechtsverhältniffe ausschließlich, wie z. B. nach
Französischem Rechte in großem Umsange der Fall ist, nur durch Urkunden oder Eid
bewiesen werden sollen, kann sich eine bedingte materielle Unverbindlichkeit des
fraglichen Verhältnisses verstecken, und insoweit würde dann ein Beweismittel auch
nur unter den Voraussetzungen zuläffig sein, unter denen man es nach dem sonft
materiell normirenden Rechte zulassen würde. Die Frage der Beweislast ist, abgesehen
von den gang allgemeinen prozessualen Grundsätzen, wie 3. B. von dem
Grundsatze, daß der Kläger den Grund seiner Klage beweisen muß, eine Frage nicht
sowol des Prozeß-, als des materiellen Rechtes, daher nicht von der Lex fori abhängig;
man erkennt das deutlich, wenn man erwägt, daß z. B. die Entscheidung
darüber, was im Zweisel als Wille der Kontrahenten anzunehmen ist, von der Feststellung
der Natur des fraglichen Kontrakts abhängt, daß also diese Entscheidung
auch maßgebend ist für die Vertheilung der Beweislast, wenn eine Partei im konkreten
Falle eine abweichende Bedeutung der Willensäußerung behauptet. Dasselbe
hat auch von Präsumtionen zu gelten, welche das Recht für einzelne Rechtsverhältnisse
aufstellt; z. B. wenn das Recht eine Präsumtion für die Annahme
der ehelichen Abstammung eines Kindes ausstellt, so liegt hierin eine Vorschrift des
materiellen Rechts; das Gesetz will das Familienrecht des Kindes aufrechterhalten,
sofern nicht klar vorliegt, daß eheliche Erzeugung nicht vorliegt.