Volltext : der Weltkrieg 1914. Band 2. (1)

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60  Jahren  mit  schmutziger  Kleidung  und  mit  einem  Bündel  Lumpen  auf
seinem  Rücken.  Mit  ihm  bin  ich  an  derselben  Kette  drei  Tage  und  eine
Nacht  hindurch  gewesen.  In  diesem  Aufzuge  durchzogen  wir  viele  Dörfer
unter  Hohn  und  Spott  der  Bevölkerung.

Am  ersten  Abende  bat  ich,  meine  Kette  für  einen  Augenblick  lösen
zu  wollen,  um  meinen  Mantel  anziehen  zu  können  als  Schutz  gegen  das
feuchte  Lager.  „Das  ist  nicht  nötig,“  war  die  barsche  Antwort,  und  man
ging  mit  dem  Licht  hinaus.  Essen  und  Trinken  wurde  nicht  gereicht;
ebensowenig  am  folgenden  Morgen.  Dank  der  Müdigkeit  unserer  Aufseher
  brauchten  wir  an  diesem  Tage  nur  wenig  zu  laufen,  wir  wurden
auf  einem  Wagen  befördert.  Abends  kamen  wir  nach  Maisons,  wo  ein
kleines  Verhör  im  Quartier  eines  Generals  stattfand.  Dann  ging  es
zur  nächsten  Gendarmerie.  Hier  wurden  mir  alle  Sachen  genommen:
Uhr,  Geld,  selbst  meine  Hosenträger.  Ich  mußte  ohne  sie  am  folgenden
Tage  einen  Weg  von  mehr  als  20  Kilometer  zu  Fuß  zurücklegen.  Ja,
sogar  die  Binde  vom  Roten  Kreuz  nahm  man  mir  vom  Arm  weg,  obschon
  ich  mich  im  Besitze  meiner  Papiere  befand,  die  ich  vorgelegt  hatte.

Endlich,  am  Freitag,  den  11.  September,  kamen  wir  nach  Chateau-Thierry.
  Gegen  5  Uhr  wurde  ich  zum  Kriegsgericht  zur  Vernehmung
geführt.  Spät  abends  geht  es  zum  Gefängnis  zurück.  Am  folgenden
Morgen  um  8  Uhr  langte  bei  der  Polizei  ein  Schreiben  über  mich  an.
Es  wurde  mir  verheimlicht.  Es  enthielt  meine  volle  Freisprechung  und
Freilassung.  Ich  bin  jetzt  im  Besitze  dieses  Aktenstückes.  Trotz  dieses
Urteils  wurde  ich  noch  volle  drei  Tage  als  Gefangener  am  Bahnhof
Chateau-Thierry  zurückgehalten.

So  hatte  ich  Gelegenheit,  das  Folgende  als  Augen=  und  Ohrenzeuge
wahrzunehmen:

Am  Bahnhof  traf  ich  ungefähr  300  Gefangene.  Es  waren  fast  nur
Verwundete  oder  Kranke.  Als  die  Franzosen  in  Chateau-Thierry  einrückten,
  gingen  sie  in  die  Spitäler  und  Lazarette,  wo  sich  deutsche  Verwundete
  befanden;  sie  untersuchten  deren  Kleider  und  nahmen  für  sich,
was  ihnen  beliebte,  insbesondere  Geld  und  Uhren.  Wir  wurden  in
einem  offenen  Güterschuppen  untergebracht,  der  ungefähr  einen  Raum
von  etwa  5  bis  7  Meter  Breite  und  10  bis  12  Meter  Länge  den  etwa
300  Gefangenen  bot.  Die  eine  Seite  des  Schuppens  war  ganz  offen;  die
anderen  Seiten  hatten  solche  Oeffnungen,  daß  Wind  und  Wetter  freien
Zutritt  hatten.  Es  regnete  und  stürmte.  Die  Verwundeten  lagen  Tag
und  Nacht  auf  dem  Steinboden,  der  nur  stellenweise  mit  einer  dünnen,
ganz  zerknickten  Strohschicht  bedeckt  war.  Die  meisten  Verwundeten  hatten
keine  Mäntel,  einzelne  auch  keine  Kopfbedeckung.  Es  befanden  sich  im
Schuppen  zwei  bessere  Stellen,  die  mehr  gegen  die  Witterung  geschützt
waren  und  auch  mehr  Stroh  enthielten.  Die  Verwundeten  wurden  am
Abend  von  denselben  zurückgewiesen,  die  Aufseher  nahmen  dieselben  für  sich.

Unsere  Nahrung  am  Bahnhof  bestand  in  altem  verschimmelten
Kommißbrot.  Die  Schimmelfäden  zogen  sich  meist  quer  durch  das  ganze
Brot.  Ebenso  schlimm  war  es  mit  der  Pflege  der  Wunden  der  Gefangenen
  bestellt.  Viele  hatten  seit  acht  Tagen  ihren  Verband  nicht  mehr
erneuert  erhalten.  Mehrere  baten  darum  am  Sonntagmorgen,  es  sei
unbedingt  nötig.  Es  wurde  abgeschlagen.  Erst  am  Sonnabend  hieß  es:
bloß  die  schwer  Verwundeten,  die  den  Verband  notwendig  erneuert  haben
müssen,  können  sich  melden.  Sie  wurden  dann  zu  den  deutschen  Aerzten

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