Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechster Jahrgang. 1890. (31)

A#lien.  (Okt.  24.—Nov.  7.)  255

schen  den  beiden  Völkern  eine  herzlichere  geworden  sei,  habe  der  junge  Kaiser
zweimal  die  „Roma  intangibile“  begrüßt.  Nicht  weniger  loyal,  wenn  auch
nicht  so  demonstrativ  sei  die  Stellung  des  katholischen  Oesterreichs  Italien
gegenüber  gewesen.  Die  Irredentisten  täuschten  sich,  wenn  sie  glaubten,  fie
könnten  die  Grundlagen  der  Monarchie  untergraben,  welche  sie  beschuldigen,
eine  antinationale  Politik  zu  verfolgen.  Die  Grundlagen  seien  zu  fest  gefügt.
  Die  Interessen  Italiens  seien  identisch  mit  denen  der  Monarchie.

Crispi  schloß  seine  Rede,  welche  häufig  durch  stürmischen  Beifall
unterbrochen  wurde,  mit  folgenden  Worten:  „Trinken  Sie  auf  das  Wohl
des  italienischen  Volkes,  welches  Sie  so  würdig  repräsentieren,  und  auf  die
Dynastie,  welche  es  so  edel  in  der  Welt  vertritt.  Und  möge  in  meinem
Hoch  auf  Italien  und  auf  seinen  König  der  heilige  Wille  ausgesprochen  sein,
stets  nur  das  Gute  für  beide  zu  erstreben.“

24.  Oktober.  Die  Kammer  wird  aufgelöst;  die  Neuwahlen
  werden  auf  den  23.  November  anberaumt.

24.  Oktober.  Italien  erkennt  die  brasilianische  Republik
  an.

Ende  Oktober.  Die  Wahlbewegung  veranlaßt  die  entgegenstehenden
  Parteien  ihre  Sympathien  für  Deutschland  resp.  für
Frankreich  auszusprechen.  Insbesondere  bietet  der  in  Frankreich
plötzlich  aufgetauchte  Plan,  Garibaldi  wegen  seiner  Thätigkeit  im
Kriege  von  1870  ein  Denkmal  zu  errichten,  zu  lebhaften  Kontroversen
  Anlaß.

Ende  Oktober.  Der  Marquis  Rudini,  Führer  der  Konservativen,
  richtet  anläßlich  der  bevorstehenden  Neuwahlen  zur
Kammer  ein  Schreiben  an  die  „Opinione“,

in  welchem  er  ausführt,  daß  er  und  seine  Freunde  mit  der  gegenwärtigen
Richtung  der  auswärtigen  und  der  inneren  Politik  vollständig  einverstanden
seien.  Für  Italien  sei  sowohl  im  Innern,  als  nach  außen  hin  eine  lange
Periode  des  Friedens  durchaus  notwendig,  und  diese  Friedensperiode  werde
durch  den  Dreibund  und  durch  die  kräftige  Verteidigung  der  bestehenden
Institutionen  gegen  die  Angriffe  der  Umsturzparteien  gesichert.  Ohne  Frieden
sei  Italien  nicht  im  stande,  seine  wirtschaftlichen  Verhältnisse  zu  verbessern.

Gegen  die  Politik  Crispis  treten  nur  die  Radikalen  auf.

4.  November.  (Mailand.)  In  einer  Versammlung  der
Führer  der  radikalen  Partei  schlägt  Cavallotti  vor,  während  der
Anwesenheit  des  deutschen  Reichskanzlers  v.  Caprivi  in  Mailand
ein  Bankett  als  Demonstration  gegen  die  Tripelallianz  abzuhalten,
  was  jedoch  von  der  Mehrheit  der  Versammelten  abgelehnt
  wird.

7.  November.  Der  deutsche  Reichskanzler  v.  Caprivi
trifft  in  Mailand  ein,  konferiert  dort  mit  Crispi  und  begibt  sich
am  folgenden  Tage  mit  diesem  nach  Monza,  wo  er  von  dem  König
und  der  Königin  empfangen  und  zur  Tafel  gezogen  wird.