Full text : Lehr- und Lesebuch oder die Vaterlands- und Weltkunde.

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reine  Ausbildung  ihrer  Farben  und  ihres  Slanzes.  Sie  befommen  am
icht  erft  Saft  und  ein  fräftiges,  jelbftftändiges  Leben.  Ohne  Licht  werben
fie  wohl  größer,  aber  bleiben  gejchmad-,  farb-  und  geruchlos.  Gie
fehren  fiih  daher  dem  Lichte  zu.  Kartoffelpflanzen,  bie  in  einem  Seller
ausihlagen,  Friechen  von  entfernten  Punkten,  viele  Glen  weit,  auf  dem
Boden  nach  der  Seite  zu,  wo  ein  Lichtloch  ft,  und  ranfen  fich,  als
ob  fie  den  Weg  wüßten,  an  der  Mauer  hinauf,  um  die  Dffnung  zu
erreichen,  wo  fie  des  Lichtes  genießen  fünnen.  Die  Sonnenblumen  und
eine  Mienge  anderer  Blumen  richten  fich  nach  der  Bewegung  Der  Sonne
am  Himmel  und  drehen  fich  nach  ihr  Hin.  Mbendd,  wenn  man  von
der  Wenrgenfeite  auf  eine  blumenreiche  Wiefe  tritt,  fieht  man  wenige,
wielleicht  Feine  Blumen,  weil  alle  der  Sonne  zugewenbet  find;  von  ber
Abendjeite  prangt  dann  alles  voller  Blüthen.  Auh  am  Morgen  auf
der  Wiejfe,  wenn  e8  früh  ift,  fieht  man  von  Morgen  Eommend,  feine
Blumen;  erft  wenn  bie  Sonne  wirft,  fchren  fie  fich  gegen  Meorgen.
Einige  öffnen  fich  der  Sonne  erft  um  12  Uhr  Wittags,  einige  öffnen
fih  nur  bei  Nacht,  wie  bie  prächtige  Tadeldiftel,  die  mur  wenige
Stunden  blüht.

.  Baum  e.

40.  Der  Apfelbaum.

Gewiß,  ber  Apfelbaum  ift  uns  wohl  der  nüßlichfte  von  allen
Dbitbäumen,  und  feine  Geftalt  ift  anfprechend.  Uber  dem  jtarfen
Stamme  breitet  fich  Die  Krone  Yuftig  aus,  und  auc)  feine  Blätter  haben
eine  angenehme  Yorın.  Sim  Frühlinge  fehen  wir  ihn  in  feiner  eriten
Herrlichkeit  vor  uns  aufgeftellt.  Spt  er  dann  nicht  einen  großen  Rojenftocfe
  zu  vergleichen,  an  welchen  Kinospe  an  Knospe  fich  jchmiegt?  Denkt
euch  den  Baum  Dagegen,  wie  er  noch  zu  Anfang  des  April  erjchien!
Da  Stand  er  fahl;  feine  Afte,  wie  tobte  Balken;  feine  Zweige,  wie  Dürre
Keifer.  Brachen  mir  eine  Knospe  ab,  fo  war  fle  unanjehnlich,  wie
ein  zufammengerulites  Rügelchen  von  grüner  und  gelben  Stoffe,  aus  dem
nimmer  daß  zu  werben  fchien,  wa8  wir  jebt  vor  und  fehen.  Hat  fi)
aber  das  Knöspchen  entwidelt,  fo  ift  die  braune  Hülle  auch)  abgefallen;
zartere  grüne  Wlättchen  find  nun  die  Hülle  der  Blüthen,  welche  oft
noch  fhüchtern  hervorfehauen  und  mildere  Lüfte  erwarten,  um  fich  ganz
zu  erjehließen.  Diefe  in  der  Enthüllung  begriffenen  Knoßpen  find  anmuthiger,
  Die  bereit3  entfalteten  aber  herrlicher.  Sene,  mit  bem  Örün
der  Hoffnung  umhüllt,  fagen  und:  Bald  wird’8  erfcheinen,  und  wir
wünfchen  und  Hoffen;  —  diefe  fagen  ung:  8  ift  erjehienen,  und  wir
rufen  erfreut:  D  wie  herrlich!

Aber  aus  der  Pracht  foll  der  Segen  hervorgehen;  Darum  ver:
Ichwindet  fie  nach  furzer  Zeit.  Seht,  johon  fallen  die  Dlüthenblättchen
nieder,  wenn  geflügelte  Sänger  nur  dur)  ihre  gefhmüdten
Sefthallen  ducchfehlüpfen!  Bald  werben  fanfte  Lüfte,  die  ung  jegt  ben
Brüthenduft  zumehen,  die  Blüthenblättchen  jelbft  mit  fortführen  und  auf