— 126 —
reine Ausbildung ihrer Farben und ihres Slanzes. Sie befommen am
icht erft Saft und ein fräftiges, jelbftftändiges Leben. Ohne Licht werben
fie wohl größer, aber bleiben gejchmad-, farb- und geruchlos. Gie
fehren fiih daher dem Lichte zu. Kartoffelpflanzen, bie in einem Seller
ausihlagen, Friechen von entfernten Punkten, viele Glen weit, auf dem
Boden nach der Seite zu, wo ein Lichtloch ft, und ranfen fich, als
ob fie den Weg wüßten, an der Mauer hinauf, um die Dffnung zu
erreichen, wo fie des Lichtes genießen fünnen. Die Sonnenblumen und
eine Mienge anderer Blumen richten fich nach der Bewegung Der Sonne
am Himmel und drehen fich nach ihr Hin. Mbendd, wenn man von
der Wenrgenfeite auf eine blumenreiche Wiefe tritt, fieht man wenige,
wielleicht Feine Blumen, weil alle der Sonne zugewenbet find; von ber
Abendjeite prangt dann alles voller Blüthen. Auh am Morgen auf
der Wiejfe, wenn e8 früh ift, fieht man von Morgen Eommend, feine
Blumen; erft wenn bie Sonne wirft, fchren fie fich gegen Meorgen.
Einige öffnen fich der Sonne erft um 12 Uhr Wittags, einige öffnen
fih nur bei Nacht, wie bie prächtige Tadeldiftel, die mur wenige
Stunden blüht.
. Baum e.
40. Der Apfelbaum.
Gewiß, ber Apfelbaum ift uns wohl der nüßlichfte von allen
Dbitbäumen, und feine Geftalt ift anfprechend. Uber dem jtarfen
Stamme breitet fich Die Krone Yuftig aus, und auc) feine Blätter haben
eine angenehme Yorın. Sim Frühlinge fehen wir ihn in feiner eriten
Herrlichkeit vor uns aufgeftellt. Spt er dann nicht einen großen Rojenftocfe
zu vergleichen, an welchen Kinospe an Knospe fich jchmiegt? Denkt
euch den Baum Dagegen, wie er noch zu Anfang des April erjchien!
Da Stand er fahl; feine Afte, wie tobte Balken; feine Zweige, wie Dürre
Keifer. Brachen mir eine Knospe ab, fo war fle unanjehnlich, wie
ein zufammengerulites Rügelchen von grüner und gelben Stoffe, aus dem
nimmer daß zu werben fchien, wa8 wir jebt vor und fehen. Hat fi)
aber das Knöspchen entwidelt, fo ift die braune Hülle auch) abgefallen;
zartere grüne Wlättchen find nun die Hülle der Blüthen, welche oft
noch fhüchtern hervorfehauen und mildere Lüfte erwarten, um fich ganz
zu erjehließen. Diefe in der Enthüllung begriffenen Knoßpen find anmuthiger,
Die bereit3 entfalteten aber herrlicher. Sene, mit bem Örün
der Hoffnung umhüllt, fagen und: Bald wird’8 erfcheinen, und wir
wünfchen und Hoffen; — diefe fagen ung: 8 ift erjehienen, und wir
rufen erfreut: D wie herrlich!
Aber aus der Pracht foll der Segen hervorgehen; Darum ver:
Ichwindet fie nach furzer Zeit. Seht, johon fallen die Dlüthenblättchen
nieder, wenn geflügelte Sänger nur dur) ihre gefhmüdten
Sefthallen ducchfehlüpfen! Bald werben fanfte Lüfte, die ung jegt ben
Brüthenduft zumehen, die Blüthenblättchen jelbft mit fortführen und auf