Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Erster Jahrgang. 1860. (1)

78  September.

wünscht  er  nur  an  euerer  Seite  die  Feinde  des  Vaterlandes  zu  bekämpfen.
  Weg  also  mit  unserer  Zwietracht,  die  unser  Unheil  seit  Jahrhunderten
  war.  Indem  Italien  die  Trümmer  seiner  Fesseln  mit  Füßen
tritt,  heißt  es  uns  nach  Norden  den  Weg  der  Ehre  zu  gehn,  gegen  den
letzten  Sitz  der  Tyrannen.  Ich  verheiße  Euch  nichts  anderes,  als  daß
ich  euch  in  den  Kampf  führen  werde“.

10.  Sept.  Sardinische  Truppen  landen  auf  Befehl  Garibaldis.  Der  französische
  Gesandte,  Hr.  Brenier,  legt  keinen  Protest  dagegen  ein.

11.  Garibaldis  Proklamation  an  die  Palermitaner:

„Nah  oder  ferne  bin  ich  mit  dir,  tapferes  Volk  von  Palermo,  und
mit  dir  für  das  ganze  Leben!  Die  Bande  der  Zuneigung,  gemeinsam
ertragene  Mühsale  und  Gefahren,  gemeinsamer  Ruhm  fesseln  mich  unzertrennlich
  an  dich;  im  Innersten  meiner  Seele  bewegt,  weiß  ich,  mein
Bewußtsein  als  Italiener  sagt  es  mir,  du  wirst  nicht  an  meinen  Worten
zweifeln.  Ich  schied  von  dir  im  Interesse  der  gemeinsamen  Sache  und  ich
ließ  dir  mein  anderes  Ich  zurück,  Depretis!  .  Depretis  ist  von  mir  dem
guten  Volk  der  Hauptstadt  Siciliens  anvertraut;  er  ist  mehr  als  mein  Stellvertreter,
  er  ist  der  Stellvertreter  der  heiligen  nationalen  Idee:  Italien  und
Viktor  Emanuel.  Depretis  wird  dem  theuren  Volk  Siciliens  den  Tag  der
Annerion  der  Insel  an  das  andere  freie  Italien  verkünden..  Aber
es  ist  Depretis,  welcher  —  treu  meinem  Mandat  und  dem  Interesse
Italiens  —  die  glückliche  Epoche  beendigen  muß!  Jene  Elenden,  welche
dir,  Volk  Siciliens,  heute  von  Annerion  sprechen,  und  dieselben,  welche
vor  einem  Monate  dir  davon  sprachen  und  dich  zum  Aufruhr  reizten.
..  Ich  frage  dich,  mein  Volk,  hätte  ich,  wenn  ich  zu  ihrer  Erbärmlichkeit
  herabgestiegen  wäre,  den  Kampf  für  Italien  fortsetzen  können?
Darum,  edles  Volk,  antworte  jenen  Feigen,  welche,  während  du  auf
den  Barrikaden  von  Palermo  für  die  Freiheit  Italiens  kämpftest,  sich
versteckt  hielten,  antworte  ihnen  statt  deinem  Garibaldi:  daß  der  Anschluß
  an  das  Reich  des  König-Ehrenmannspnicht  sogleich,
sondern  auf  der  Höhe  des  Quirinals  ausgerufen  werden
wird,  wenn  Italien  alle  seine  Söhne  zu  derselben  Gemeinschaft  zählen
und  alle  als  Freie  in  seinen  Schooß  aufnehmen  und  segnen  kann!“

14.  Vice-Admiral  Persano  verläßt  mit  der  sardinischen  und  neapolitanischen
  Flotte  Neapel,  um  zur  Unterstützung  der  Landarmee  vor  Ancona
  zu  segeln.

1.  Der  in  Abwesenheit  Goyons  commandirende  General  Noue  zeigt  den
Officieren  der  französischen  Occupationsarmee  in  Rom  an,  daß  „der
Kaiser  ihm  befohlen,  die  Provinzen  Rom,  Civitavecchia,  Comarca
  und  Viterbo  zu  beschützen  und  zu  vertheidigen“,  d.  h.  das
alte  patrimonium  Petri.  Bezüglich  der  übrigen  Provinzen  des  Pabstes
beobachtet  der  General  ein  auffallendes  Stillschweigen.

2.  Die  sardinische  Regierung  läßt  in  Genua  Truppen  und  Belagerungsgeschütz
  einschiffen.  An  der  Grenze  des  Kirchenstaats  werden  zwei
sardinische  Armeecorps  concentrirt.

5.  Der  sardinische  Kriegsminister  General  Fanti  geht  an  die  Gränze
des  Kirchenstaates  ab,  „um  die  Truppen  in  Arezzo  und  Rimini
zu  inspiciren“".  Graf  Cavour  übernimmt  interimistisch  die  Leitung  des
Kriegsministeriums.  ·

6.  Insurrection  in  Pesaro.

7.  Ultimatum  Sardiniens  an  den  päbstlichen  Hof.

Note  Cavours  an  den  Cardinal  Antonelli:  „Die  Regierung
Sr.  Maj.  des  Königs  von  Sardinien  konnte  nur  mit  tiefem  Bedauern  die
Errichtung  und  das  Bestehen  des  Corps  fremder  Soldtruppen  im
Dienste  der  päbstlichen  Regierung  mit  ansehen.  Die  Errichtung
besagter  Corps,  welche  nicht,  wie  in  allen  civilisirten  Staaten,  von  Bürgern
der  Landes,  sondern  von  Leuten  jeder  Sprache,  jeder  Nation,  jeder  Religion