Der Tag hat sich geneiget. 581
den Heiland gesehen.“ Die Großherzogin von Baden fragte den Koaiser,
ob er es verstanden habe. Mit leiser Stimme wiederholte er: „Meine
Augen haben den Heiland gesehen.“ Dann nach einer langen Pause
sagte er: „Er hat mir mit seinem Namen geholfen!“ Wieder nach einer
Weile sprach er wie im Traume vor sich hin: „Wir wollen eine Er—
bauungsstunde einrichten.“ Und wie aus dem Traume erwachend, setzte
er hinzu: „Jch habe einen Traum gehabt: es war die letzte Feier im
Dom.“
Da trat gegen halb 6 ein Augenblick großer Schwäche ein, der das
äußerste befürchten ließ. Allein nach einer Weile erholte sich der Kaiser
(wieder etwas. Er erkannte die Anwesenden wieder und fragte nach
Moltke. Dann ließ er den Hrinzen Wilhelm dicht an sein Bett herantreten
und sprach mit deutlich vernehmbarer Stimme, immer mit Re—
gierungssorgen beschäftigt, zu ihm von der Armee und von dem Hreußenvolke,
von den Bündnissen des Reichs, von möglichen Kriegen und von
einzelnen militärischen Einrichtungen, die ihn in der letzten Seit beschäftigt
hatten. Die Großberzogin von Baden bat ihn, sich nicht zu sehr anzustrengen,
da das anhaltende Sprechen ihn müde machen müsse. Allein
der Kaiser antwortete: „Jch habe jetzt keine Seit, müde zu sein!“ Das
waren die letzten zusammenhängenden Worte, die Kaiser Wilhelm sprach:
giebt's eine schönere Devise für sein langes, pflichttreuester Arbeit gewidmetes
Lebend
Sichtlich sanken im Laufe des Abends die Kräfte des Kaisers wieder.
ur in abgebrochenen Worten sprach er, einzelne Mamen nennend, von
den Truppen und von Erinnerungen aus den Feldzügen. Die Kacht
brachte keine Ruhe; gegen Morgen wurde der Huls immer schwächer
und das Atmen schwerer; das Bewußtsein verdunkelte sich und setzte zuzeiten
ganz aus. Auf die Meldung davon versammelte sich schon vor
4 Uhr morgens am Freitag, den 0. März, die Königliche Familie um
das Sterbelager. Die Kaiserin saß vor dem Bette, die linke RKand ihres
Gemahls zwischen den ihrigen haltend; am Fußende angesichts des von
der Erde sich losringenden Relden stand Hrinz Wilhelm. Die Großherzogin
Luise richtete von Seit zu Seit kurze Fragen an ihren Kaiserlichen
Dater; aber sein Ohr schien sie nicht mehr zu vernehmen. Nur
ab und zu bewegten sich seine Lippen; aber man vernahm nur undeutliche
Worte. Von Schmerzen war der Sterbende frei; von Seit zu Seit
hellte sich das Bewußtsein auf. „Ich harre des HBerrn“, betete der
Oberhofprediger, „meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.“
„Es war schön!“ sagte der Kaiser ganz leise. Dann nach einer eile