Full text : Der Deutsche Reichstag.

—  187  —

verkündet.  Das  Mandat  des  norddeutschen  Reichstages  erlosch  an
demselben  Tage.  Die  „Prov.  Korr.“  schrieb:

„Der  Reichstag  tritt  von  dem  Schauplatze  zurück,  um  fortan  der
Gesamtvertretung  der  deutschen  Nation  seine  Stelle  einzuräumen.  Er
scheidet  mit  dem  Bewußtsein,  durch  eine  reiche  und  fruchtbare  Wirksamkeit
  den  Dank  des  Vaterlandes  verdient  und  zur  Begründung  des  großen
nationalen  Baues  wesentlich  beigetragen  zu  haben.  Schon  durch  seine
frühere  Thätigkeit  und  noch  mehr  durch  seine  jüngsten  Beschlüsse  und
durch  den  patriotischen  Inhalt  der  an  den  König  gerichteten  Adresse  hat
er  Zeugnis  dafür  abgelegt,  daß  ihm  ein  volles  Verständnis  für  die
Stimmungen  und  die  Bedürfnisse  des  deutschen  Volkes  beiwohnt.  In
seinen  Beschlüssen,  wie  in  der  Adresse  lieh  er  der  Gewißheit  Ausdruck,
daß  die  deutsche  Nation  sich  mit  freudiger,  begeisterter  Zustimmung  dem
durch  das  Einverständnis  der  Fürsten  geschaffenen  Werke  anschließt,
welches  durch  die  Herstellung  von  Kaiser  und  Reich  nicht  bloß  die  allein
würdigen  Namen,  sondern  auch  eine  tiefernste,  vom  Volksbewußtsein
ersehnte  Weihe  erhält“

Das  erste  deutsche  Vollparlament.

Der  Weiße  Saal  des  königlichen  Schlosses  in  Berlin  hat  seither
keine  denkwürdigere  Versamlung,  keinen  größeren  geschichtlichen  Akt  sich
vollziehen  sehen,  als  am  21.  März  1871.  Von  12⅛  Uhr  ab  —  laut
Ansage  sollte  die  Ceremonie  um  1  Uhr  beginnen  —  schritten  nur  wenige
goldbetreßte  Hofchargen  sein  schimmerndes  Parkett  auf  und  ab.  Einige
Arbeiter  waren  bis  kurze  Zeit  vor  dieser  festgesetzten  Stunde  beschäftigt,
auf  den  mit  rotem  Samt  bedeckten  Stufen  unter  dem  bekannten  purpurnen
  Thronhimmel  an  der  Mitte  der  Langwand  einen  Sessel  aufzustellen,
  dessen  uraltertümliche,  seltsame  Gestalt  und  Art  ihn  der  großen
Mehrzahl  der  Anwesenden  zum  fragwürdigsten  Rätsel  machte.  Dieser
romantische,  schwere  Steinsessel  in  Würfelform,  auf  vier  plumpen  Bronzeknäufen
  ruhend,  mit  Rück=  und  Seitenlehnen  von  à  jour  gearbeiteten,
frühmittelalterlichen  Bronzeornamenten  einer  phantastischen  Komposition
war  nichts  anderes  als  der  berühmte  „Kaiserstuhl  von  Goslar“,  auf
welchem,  nach  der  kunstgeschichtlichen  und  der  lokalen  Domsage,  die  alten
deutschen  Kaiser  des  sächsischen  Hauses  gesessen  haben  sollen.  Nach
mancherlei  Schicksalen  hatte  dies  historische  Möbel  seit  einer  Reihe  von
Jahren  Ruhe  gefunden  in  der  Waffensammlung  des  Prinzen  Karl.
Von  dort  kam  es  zur  fröhlichen  Auferstehung  und  ward  der  Thron  des
ersten  Kaisers  aus  dem  Hause  der  Hohenzollern.