106 4. Das preußifche Königtum. Friedrich I und Friedrid) Wilhelm 1.
tischen Kolonie; die deutsche Sprache lernte er nur, wie untergeordnete
Leute fie Sprechen. Von feinem zehnten Jahre an leiteten die Erziehung
zivei wadere militärische Männer, Oberft Finf und von Kaldjtein:
zum Lehrer erhielt er einen franzöftichen Proteftanten namens
Duban de Sandun, den der König vor Stralfund fennen gelernt
und der ihm gefallen hatte, dem aber für feine Aufgabe nur
dilettantifche Kenntniffe zu Gebote ftanden. Der König, vielbeichäftigt
und in Sachen der Erziehung nicht3 weniger al3 fachverjtändig,
gab eine Inftruftion, Wufterhaufen 3. September 1721,
wie der Brinz unterrichtet werden jolle. Sie ift verfehrt: hervorzuheben
ijt der Wegfall des Lateinischen, der bei der damaligen
Bedeutung diefer Sprache dem jungen Brinzen ein Bildungsmittel
entzog, das ein Mann der höheren und höchiten Gefellfchaft jchiwer
entbehren fonnte, und die Anordnung für den Religionsunterricht,
der jeden Tag von 9 bis 103% Uhr gegeben werden follte und
der feine Früchte trug. Der übrige Unterricht, den Duhan erteilte,
war, wie ein Mann, der vom Lehren nicht? verjtand, ihn
erteilen fonnte: von Ddeutichen Büchern fam fein ernjthaftes in Die
Hand des jungen Bringen. Bom Bater ohne Berjtändnis und
ohne Sorgfalt im einzelnen behandelt, reizte und entfremdete der
Kronprinz fich dem König durch das, was lebterer effeminiertes
Welen nannte — man hatte ihn Hinter dem Rüden de3 Vaters
durch einen vom Dresdener Hof herüberfommenden Xehrer, Quant,
die Flöte lernen laflen —, und durch die Neigung zur franzöfischen
Modebildung, welche der König bei dem Prinzen wahrzunehmen
glaubte. Das MipverhältniS war da: es wurde nicht befjer, als
der Prinz mit vierzehn Sahren 1727 Major in dem Potsdamer
Bataillon wurde und den Dienft in feiner ganzen pedantischen
Strenge erlernen und üben mußte. Er hegte den Wunfch, aud)
wie andere Fürjtenfühne auf Reifen fremde Länder zu fehen und
dabei freier fich beivegen zu fünnen. Davon wollte der Vater
nicht8 hören: dagegen nahm er den Siebzehnjährigen jehr törichterweite
mit, alS er im Sahre 1730 dem jächfiichen Hof, einem Eldorado
der Liederlichkeit, einen Befuch machte, der dem jungen Menjchen