170 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Oktober.)
nicht versagen: er hat seine Unabhängigkeit gewahrt nach oben wie nach
unten, wie ein rechter Staatsmann soll und muß, und wo er auf dem
richtigen Wege zu sein glaubte, ist er entschlossen und mit Selbstvertrauen
vorangegangen.“
„Germania“: „Was in einer Strafgesetznovelle eine Reichstagsmehrheit
dem Grafen Caprivi allenfalls bewilligt haben würde, dürfte seinem
Nachfolger nicht sogleich als Morgengabe in den Schoß fallen. Graf Caprivi
hatte ein solches Maß von Vertrauen in weiten Kreisen sich erworben,
daß man unter seiner Amtsführung einen Mißbrauch von Vollmachten für
die Regierung bei Anwendung von Gesetzen und Verwaltungsvorschriften
nicht befürchtete; ohne ein gleiches Maß von Vertrauen kann aber keiner
Regierung eine diskretionäre Machtbefugnis eingeräumt werden, die einen
Mißbrauch nicht ausschließt, am allerwenigsten in einer Zeit politischer
Ueberraschungen, wo heute vielleicht niemand ahnt, wer morgen Reichskanzler
und Ministerpräsident sein wird.“
„Dgiennik Poznanski": „Graf Caprivi hat ein klares, ehrliches
Programm gehabt und dies auch bei der Schulgesetzvorlage des Grafen
Zedlitz bewiesen, als er sogar dem Willen der Krone nicht unterlag, sondern
seine Demission als preußischer Ministerpräsident eingereicht hat. Die
Nachricht von der Demission Caprivis haben wir mit Bedauern entgegengenommen,
nicht deshalb, weil er den Polen etwaige Wohlthaten erwiesen,
sondern weil er ihnen nicht geschadet und sie nicht unterdrückt hat.“
„Allg. Ztg.“: „Die offiziöse Presse, insbesondere die dem bisherigen
Reichskanzler nahestehende, hat die öffentliche Meinung in unerhörter Weise
irregeführt, und vor dem Dröhnen ihrer Siegesfanfaren verstummte allmählich
auch der letzte leise Widerspruch, der sich gegen die Behauptung
von einem völligen Siege des Grafen Caprivi, dem Durchdringen seiner
Ueberzeugung im Staatsministerium und an allerhöchster Stelle, zunächst
noch ans Licht gewagt hätte.“ Graf Caprivi habe den Fürsten Bismarck
nie ersetzen können und man sehe ihn ohne Bedauern scheiden.
„Nat.-Ztg.“: „Es ist beim Rücktritt des Mannes, der mit dem
redlichen Willen, dem Vaterlande zu nützen, ein nicht gewöhnliches Talent
und aufopfernde Arbeit verband und mit dem wir in wichtigen Fragen zusammengegangen,
für uns keine angenehme Aufgabe, ihm unerfreuliche Dinge
zu sagen; aber wenn der schließliche Mißerfolg seiner amtlichen Thätigkeit
erklärt werden soll, kann es nicht vermieden werden. Unter diesen Erklärungsgründen
muß noch der Gegensatz erwähnt werden, in den Graf
Caprivi sich im Sommer 1892 durch die unglücklichen Depeschen nach Wien
anläßlich des Aufenthalts des Fürsten Bismarck daselbst zu den Empfindungen
der großen Mehrheit des deutschen Volkes gesetzt hatte."
Das „Leipziger Tagblatt“ tadelt neben dem Zwist mit Bismarck
besonders seine Kolonialpolitik.
„Volk“: „Bei uns werden nur die Juden und ein Teil der Liberalen
den Grafen Caprivi mit Bedauern gehen sehen. Wir wollen ihn, zumal
er jetzt politisch tot ist, nicht weiter verdammen. Es mag ja sein, daß er
immer nur das Beste des deutschen Volkes im Auge gehabt hat. Er gehörte
vielleicht zu jenen Leuten, die „stets das Gute wollen und stets das
Böse schaffen."
„Kreuz-Ztg.“: „Das Resultat seiner Politik ist unserer Ueberzeugung
nach dies: die Unzufriedenheit ist in Deutschland in bedenklichster
Weise gestiegen und in gleichem Maße das Vertrauen gesunken, und das
gerade in den Kreisen des Volkes, auf die sich Monarchie und Vaterland
vor allem stützen müssen. Wie weit Graf Caprivi hieran allein die Verantwortung
trifft, wird erst die weitere Entwickelung lehren.“