74 England im Wirtschaftokrleg.
und über das taktische Borgehen klar werden wollen, mit deren Hilfe
England zu seinem Ziele zu gelangen sucht, so müssen wir uns vorweg
eine viel zu wenig beachtete Tatsache, einen grundlegenden Unterschied
zwischen deutschen und englischen Methoden vergegenwärtigen:
Eine Verständigung zwischen Deutschen und Engländern — Verständigung
gar nicht einmal im politischen Sinne gemeint, sondern schlechtweg
im gewöhnlichsten Sinne des Sprachgebrauchs — ist so außerordentlich
schwer, weil Deutsche und Engländer die Sprache zu ganz verschiedenen
Zwecken gebrauchen: Wenn der Deutsche theoretisiert, so tut er es aus
Liebe zur Theorie; begibt sich aber der Engländer auf das gleiche Gebiet,
so tut er es zur Verschleierung und Bemäntelung und gleichzeitig zur
besseren Erreichung seiner rein praktischen Zwecke. Richtet der Engländer
ein theoretisches Lehrgebäude auf, so wendet er alle Kunst der Logik
lediglich an, um dasjenige Sostem zu begründen, das ihm nach Lage der
Dinge für seinen praktischen Gebrauch am zweckmäßigsten erscheint; der
Deutsche dagegen ist sehr geneigt, die Herkunft der englischen Theorie aus
der Welt des RNutzene und den Zweck dieser Theorie, dem britischen Nutzen
zu dienen, zu übersehen und sie als allgemein gültig gedachte Lehrmeinung
zu betrachten.
Der Brite ist gemeinhin nicht der Mann der reinen, abstrakten Theorie.
Zedes von England ausgehende theoretische Gesetz, auf welchem geistigen
Gebiete es auch immer sei, sollte vor der Einfuhr nach dem Festland
einer gründlichen „Zollrevision“ unterworfen werden, die seiner praktischen
Bedeutung für die besonderen Verhältuisse des Inselreiches und
seiner Verwertbarkeit oder Schädlichkeit für die andersartigen Zustände
des europäischen Festlandes auf den Grund zu gehen trachtet. Was
hat man in Deutschland nicht alles mit der britischen Freihandelstheorie
aufgestellt! — Daß ihr Bater vor bald 200 Jahren geboren ist und daß er
seine handelspolitischen Grundsätze lediglich entwickelte und begründete
für das England seiner Zeit, kommt für seine deutschen Nachfahren offenbar
nicht in Betracht. Sic nahmen die britische Freihandelslehre als Gemeingut
der nationalökonomischen Welt auf und glaubten in ihr die reine
und unbedingte Theorie zu finden, die sie mit einer einseitigen Folgeschärfe
durcharbeiteten und zur alleinseligmachenden Grundlage ihres wirtschaftspolitischen
Glaubens machten, von der der Begründer dieser Theorie
selbst gemäß dem echt britischen Nützlichkeitestandpunkt sehr weit entfernt
war. Wo immer der Freihandel die britische Machtpolitik zu beeinträchtigen
drohte, war auch ein Adam Smith keineswege Freihändler. So behandelt
er fallweise britische Rüstungsindustrie als schutzbedürftig und pflichtet
jeder noch so wenig freihändlerischen Maßnahme bei, die zur Förderung
britischen Ubergewichtes in der Schiffahrt und im Schiffbau bestimmt war.