thumbs : Deutsches Wörterbuch. Erster Band A-G. (1)

931  Nackenschlag  —  nacket.

kopf  in  den  nacken  zurückwerfen,  stolz  abweisend;
auch  milder,  bei  Widerstreben:  indem  sie  den  schönen
nacken  zurückbog  Hauff  6,  73;  in  andern  bildlichen
Wendungen:  sich  eine  last  auf  den  nacken  laden,
legen,  etwas  Lästiges  auf  dem  nacken  haben;  Verfolger,
  Bedrücker  sitzen  auf  dem  nacken,  u.  s.  w.;  warum
ihr  diesz  gewitter  mir  auf  den  nacken  schickt  Wieland
  Klelia  5,  334;  denen  der  feind  auf  den  nacken
liegt  Schiller  8,  189;  warum  diesen  blutsaugenden
teufel  mir  auf  den  nacken  setzen?  Kab.  3,  6;  sie  sind
mir  auf  dem  nacken  Freytag  Soll  2,  345;  wir  wollen
keine  freunde,  die  uns  auf  dem  nacken  sitzen  Heyse
9,  385;  von  einem  Duckmäuser,  Schlauen:  er  hat  es
hinder  dem  nacken  daumens  dieke,  ad  mmalitiam
egregie  docts,  versulissimus  est  Stieler;  traue
dem  volke  (Höflingen)  nicht!  es  hat  alles  den  schelmen
im  nacken  Weiße  kom.  Op.  1,  31;  etwas  schlägt
cinen  in  den  nacken,  alte  Gewohnheit,  Uberzeugung
sordert  Unterwerfung  (vgl.  nackenschlag):  der  alte
Lutheraner  würde  mich  noch  zu  oft  in  den  nacken
schlagen  Lessing  Anti-Goeze  6;  örtlich  im  nacken
bleiben,  zurück,  dahinten:  Hochburg  blieb  im  nacken
Bürger  Entführung;  —  in  manchen  Fällen  an  bals
rührend  oder  dahin  übergehend:  den  kopf  von  dem
nacken  trennen  Steinbach;  wem  die  axt  an  den
nacken  griff,  der  lag  ohne  kopf  im  staub  Strachwitz
Ged.  25;  dasz  mir  der  nacken  aus  dem  gelenk  abbrach
  Voß  Odyss.  11,  64;  schlung  sein  heerhorn  um
den  nacken  Bürger  Entführung;  (sie)  fällt  entzuckt
der  amme  um  den  nacken  Wieland  Ob.  5,  13.  nacken,
die  langen  Nackenhaare  des  weiblichen  Kopfes,  in  die
Höhe  geschlagen  und  auf  dem  Scheitel  befestigt,  franz.
enhignon  Adelung;  bei  den  Bergleuten  oberster  Teil
verschiedener  Werkzeuge  und  Geräte.  —  Dazu:  Nackenschlag,
  m.  Schlag  in  den  Nacken;  um  ihn  zu  beugen,
Unterwerfung  zu  fordern:  regten  sich  alle,  welche
die  nackenschläge  des  despotismus  erfahren  hatten
Treitschke  2,  308.

Nacket,  nackt  (nackend),  ohne  Bekleidung;  gemeingerm.
Wort,  goth.  naqabs,  altnord.  nökkviör.  altengl.  nacod,
ahd.  nakot,  nakkot,  nachot,  nachet,  mhd.  nacket;  mit
weitem  indogerm.  Hintergrunde,  in  der  Bildung  berührt
sich  am  nächsten  mit  ver  dentschen  Form  das  lat.  nüdus,
wenn  es  für  vogvidus  steht,  im  Stamme  gleich  sind
sanskr.  nagnd,  nackt,  altslav.  nagü,  litt.  nügas.  Die
deutsche  Nebenform  nackend,  jetzt  mit  unedlem  Klange
gegen  nackt,  kommt  im  Mhd.  durch  Einschiebung  des
Nasals  vor  dem  schließenden  Laut  auf  (als  nackent,
nackend)  und  hat  nur  das  Aussehen  eines  Particips
der  Gegenwart;  eine  andere  Nebenform  zu  nacket  hat
sich  als  nackecht,  nackicht,  später  nackig  gebildet,  begegnet
  jetzt  höchstens  noch  in  niedriger  Rede,  und  ist  in
der  Schriftspr.  unterdrücckt  worden.  ccktes  nacket,  nackt,
nackend  Dief.;  nackt,  nacket,  nackicht,  nackend
Stieler;  nackigt,  vgl.  unten  2  a.  E.;  in  verschiedener
Ausbildung.  Steigerung  des  Begriffs  nur  in  übertragener
  Bed.  (2.  3).  1)  Eigentlich  von  den  Teilen
des  menschlichen  Körpers,  die  sonst  bekleidet  zu  werden
pflegen:  nackte  leiber,  fusze,  beine,  arme,  hünde;
mit  nackten  brüsten;  daher  nackt  gehen,  ein  nackter
mensch,  der  gar  keine  Kleider  an  hat;  sie  waren  beido
nacket,  der  mensch  und  sein  weib  1.  Mos.  2,  25;  wic
er  nacket  ist  von  seciner  muterleibe  komen  Pred.  Sal.
5,  14;  nackenden  busen  Garg.  70;  nun  liegt,  neugeboren,
  das  kind  ihr  nackend  im  arme  Goethe  Herm.
u.  Dor.  2;  der  nackte  leichnam  wird  gefunden  Schiller
Kraniche  des  Ib.  49;  die  nackenden  glieder  Platen
Eklog.  2,  73;  lief  .  auf  nackten  sohilen  CFMeyer
Ang.  Borgia  163;  von  einem  Kopfe,  haarlos:  zum
nackten  schädel  ward  sein  kopf  Bürger  Lenore;
nackend  kinn  (bartlos)  Stieler;  in  verstärkenden  Formeln:
  nakend  und  mucterblos  Aventin  1,  951;  wie

Nacktheit.  932

Adam  blosz  und  nackt  Goethe  der  Müllerin  Verrath;
in  solchen  Zusammensetzungen,  fasel-,  faser-,  splitternackt;
  er  ist  nacket,  splitternacket  Lessing  Leb.  des
Sophokles  K;  nackter  als  ein  splitter  Wieland  Ob.
3,  30;  in  künstlerischem  Sinne,  das  nackte  der  antike;
die  artisten  zu  ersuchen  ibre  geschicklichkeit  im
nackenden  lieber  an  irdischen  formen  zu  beweisen  Wieland
  Grazien  2.  2)  gemildert  zu  der  Bed.  ohne  Rüstung,
kriegerischen  Schutz:  ctlich  Teutschen  .  nackend  und
plosz,  än  harnisch  Aventin  1,  822;  jene  im  harnisch,
sie  aber  nacket  und  one  gewehr  B.  d.  Liebe  220b;  die
nackte  deutsche  tapferkeit  vermochte  nic  auszuhalten
in  die  länge  gegen  die  gebarnischten  reihen  und  glieder
der  Römer  Hebel  3,  41;  übertragen  auf  das  „unbewaffnete
  Auge:  da  wir  mit  nacktem  auge  nirgends  farbensünme
  ..  erblicken  Goethe  54,  201;  —  nach  der
Bibelspr.  =  ohne  ordentliche  Kleidung  wie  ein  Bettler,
bloß,  dürftig:  ich  bin  nacket  gewesen,  und  jr  habt
mich  bekleidet  Matth.  25,  36;  den  nackten  ze  kleiden
Buch  der  Rügen  958;  ich  hörte  von  kindern  und  alten,
die  nackend  daher  gehn  Goethe  Herm.  u.  Dor.  1;
nackende  buben  Bettler,  Vagabunden  Sebiz  10;  nackte
armut,  vom  Notwendigsten  entblößt:  der  übertriebenste
luxus  erscheint  neben  der  nacktesten  armuth.  Moltke
2,  169;  daher  volksmäßig  geradezu  —  arm  in  hohem
Grade:  (sie)  ist  doch  so  nackigt,  dasz  sie  nicht  einmal
  eine  bank  ubrig  hat  Weiße  kom.  Op.  2,  123;
ich  bin  so  nackigt  wie  ein  gratulant  Rabener  Brief
1760.  3)  von  Tieren,  ohne  ihr  natürliches  Kleid,  Federn
oder  Haare:  nackte  junge  vögel  im  nest;  nackter
schwanz  einer  maus,  nackte  backen  bei  affen;  Schimpfwort
  für  arme  Menschen:  es  ist  ein  nackichter  hund,
4%  pauperior  est  Stieler;  von  Pflanzen  und  Pflanzenteilen,
  in  wissenschaftlicher  Spr.:  nackter  stengel,
balm,  ohne  Blätter,  Ansätze,  nackter  samc,  ohne  Hülse;
nackte  gerste,  die  keine  solche  hat;  als  Pflanzenname,
nackte  jungfer,  Zeitlose;  dichterisch,—  blätterlos:  traurig
steht  der  nackte  strauch  Schiller  Klage  der  Ceres;
in  erweiterter  Fügung:  drum  seht  ihr  ..  das  bäumchen
  nackt  von  blättern  Goethe  Erkl.  einer  ant.  Gemme;
von  dem  Felde,  Erdboden,  unbewachsen:  nackte  felder,
berge;  die  nackte  wüste;  das  nackte  gefild  begonn  zu
kreisen  Schiller  Ränb.  5,  1;  der  felsen  nackte  rippen
Alpenjäger;  auch  von  einer  ausgesogenen  Gegend:  das
land  steht  nackt  und  blosz  Stein  bach;  von  Gegenständen,
  ohne  Decke  oder  Bekleidung:  nackte  mauern
eines  abgebraunten  hauscs;  nichts  als  die  vier  nackten
wände  haben  sie  stehen  lassen  Goethe  Egm.  2;  schlief
in  einer  kammer  auf  der  nackten  erde  W.  Meister  2,  6;
gern  namentlich  das  nackte  schwert,  das  aus  der  Scheide
gezogene:  mit  nacten  swerten  Rolandes  Lied  199,  9;
dasz  der  freigraf  das  nackte  schwert  und  die  weidenschlinge
  auf  den  steintisch  hätte  legen  können
Treitsche  2,  263;  sein  sübel  war  noch  nackt  Strachwitz
  Ged.  121.  unsinnlich,  =  bloß,  nichts  als,  in
mehrsacher  Verwendung:  das  sie  .  ein  blos  nacket
urteil  uberkemen  burher  1,  1560b;  bis  ihm  nichts  als
die  nackte  rechtschaffenhcit  ubrig  bleibt  Wieland
Aristipps  Br.  4,  4;  weg  denn  mit  dicser  lästigen  larve
von  sanftmuth  und  tugend!  nun  sollt  ihr  den  nackten
Franz  schen  Schiller  Räub.  2,  2;  wenn  der  bund.
für  die  nackte  gewalt  partei  nahm  Treitschke  4,  675;
die  nackte  realität  des  rückganges  Bismarck  Reden
14,  221;  nackte  thatsachen,  wirklichkeit,  das  ist  die
nackte  wabrheit;  einc  Nnackte  luge;  auch  das  nackte  leben,
noch  recht  deutlich  an  die  Bedeutung  1)  anknüpfend:  das
nackte  leben  blicb  uns  Zzum  gewinn  Schiller  Turandot
1,  1.  —  Nacktheit,  k.  Zustand  des  Nackten:  nuckitas
nackheit  Dief.;  nackigkeit,  nackechtigkeit  Dasypodius;
  in  den  verschiedenen  Bed.  des  Adjectivs:  n.  eines
menschen,  gliedes,  des  bodens  der  thatsachen;  das  geltende
  verfassungsrecht  .  in  sciner  ganzen  nuchternen