Full text: Handbuch der Politik. Zweiter Band. (2)

170 Otto Schwarz, Der Kurs der deutschen Reichs- und Staatsanleihen. 
9. Konkurrenzausländischer Werte. 
Der neueren Entwickelung auf dem Effektenmarkte charakteristisch ist die Konkurrenz, 
welche dem inländischen Kapitalmarkte und vor allem dem Markt der festverzinslichen Werte 
durchausländische\Werte, Staatspapiere und sonstige Obligationen gemacht wird. 
In Deutschland sind aus dem Nachbarstaat Russland grosse Posten an Staats- 
werten und staatlich garantierten Eisenbahnobligationen, ferner erhebliche Summen amerika- 
nischer Eisenbahnfonds, endlich viele Goldminen- und Diamantminenshares, Gummi- 
werte pp. untergebracht. Immerhin halten sich die Jahresemissionen ausländischer Werte an 
der Berliner Börse durchschnittlich erst auf der Höhe einiger hundert Millionen Mark. In Frank- 
reich und England dagegen spielt die Anlage ausländischer Werte eine von Jahr zu Jahr 
steigerde und manchen der dortigen Patrioten beängstigende Rolle. Sie machen dort jährlich j. 
2—4 Milliarden M. aus. 
Wir begnügen uns an dieser Stelle damit, diese Konkurrenz der ausländischen Werte für 
unsere Staatsanleihen zu konstatieren. Die Frage der Zulässigkeitund Bedeutung 
der Anlage von einheimischen Kapitalien in ausländischen Werten zu erörtern, erscheint uns hier 
nicht der Ort. Die Frage kann nicht allein oder auch nur vorwiegend unter dem Gesichtspunkte der 
Stellung des Staatskredits beurteilt, sondern muss vor allem unter allgemein volks- und 
weltwirtschaftlichen, wie politischen Gesichtspunkten betrachtet werden. 
10. Einfluss der intensiven Wirtschaftsentwickelung. 
Haben wir in Vorstehendem eine ganze Reihe von Ursachen kennen gelernt, welche zu 
dem Kursrückgange unserer Staatspapiere mehr oder weniger beigetragen haben, so sin 
sic doch alle nicht ausreichend, einen so grossen Kurssturz herbeizuführen, wie wir 
ihn tatsächlich seit 11, Dezennien erlebt haben. Es muss neben ihnen ein bisher noch 
nicht berührter Faktor mitgewirkt haben, der um so mehr als die weitaus wichtigste 
Ursache anzuschen ist, als er selbst wieder mehrere der schon genannten Ursachen seinerseits 
erst hervorgerufen oder doch wenigstensstark befördert hat. Dasistderstarkewirtschaft- 
licheAufschwung, welchen National- wie Welt wirtschaft in dem in Rede stehenden 
Zeitraum genommen haben. Die Tatsache dieses Aufschwungs selbst hier näher zu erweisen, wird 
entbehrlich sein. Dass sie aber auf die Entwickelung der Staatspapierkurse und in den grossen 
Kulturstaaten, welche am stärksten an diesem Wirtschaftsaufschwung beteiligt waren und die zu- 
gleich ihren Staatsanleihebedarf am eigenen Markte decken, besonders nachteilig wirken musste, 
und gewirkt hat, lässt sich ebenso a priori wie a posteriori beweisen. 
Zunächst ist klar, dass bei den starken wirtschaftlichen und technischen Fort- 
schritten von Handel, Industrie und Landwirtschaft enorme, zum grossen Teil dem Markte 
der sicheren Anlagen entgehende oder ihm entnommene Kapitalien zur Aufrechterhaltung 
des Geschäftsbetriebs, wie vielfach auch zu Neu-, Vergrösserungs-, Erweiterungsanlagen erforder- 
lich wurden. Dieser Mehrbedarf äusserte sich zum Teil in der Vermehrung von Wertpapieren, von 
Aktien und Dividendenwerten, sowie von Industrieobligstionen. Die zahllosen privaten Einzel- 
betriebe hielten aber natürlich ebenfalls viele ersparte Kapitalien für sich zurück, die in wirt- 
schaftlich stilleren Zeiten ganz oder zum Teil an den Staatspapiermarkt geflossen sein würden. 
Denn eine volle wirtschaftliche Hochkonjunktur macht sich schliesslich in dem Betriebe de: 
kleinsten Krämers bemerkbar. Dass die steigende Gewinnquote das anlagesuchende Publikum 
zum Teil dem Markte der niedrig, aber fest verzinslichen Werte entfremdete und dem- 
jenigen der industriellen und Dividendenwerte zuführen musste, liegt hiernach auf der Hand. 
Dazu kommt, dass gute Dividendenpolitik, grosse Rücklagen usw. es grossen Werken und 
Banken vielfach ermöglicht haben, eine solche Stetigkeit in ihre Dividendenverteilungen 
zu bringen und dem Publikum die Überzeugung von einer solchen Sicherheit und Gefestigtheit 
ihrer Unternehmungen einzuflössen, dass auch der Vorzug der Festigkeit und Gleich- 
möässigkeit der Verzinsung der Staatswerte jenen Werten gegenüber an Zugkraft einbüssen 
musste. Auch bei anderen Dividendenwerten liess der mit geringen Unterbrechungen fort- 
dauernde wirtschaftliche Aufschwung den Gedanken der Notwendigkeit einer angemessenen
	        
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