Full text: Handbuch der Politik. Zweiter Band. (2)

386 Josef Grunzel, Die Industrie. 
  
wasserstrassen der Kampf um das Hinterland, die bisherige Sonderstellung der Hafenplätze musste 
einer engeren Angliederung an das eigene Land weichen. Der sich daraus ergebende Dezentralisier- 
rungsprozess musste Hamburg und Bremen günstiger sein als London, dem Knotenpunkt der grossen 
Ozeanstrassen. 
Die Eisenbahn hat zwar England erfunden, Deutschland aber erkannte zuerst ihre volks- 
wirtschaftliche Bedeutung und wurde damit zur hohen Schule der Eisenbahnpolitik. Während 
England vergeblich den Grundsatz der freien Konkurrenz zur Geltung bringen wollte, während 
Frankreich, Österreich und andere Länder zu Ausbeutungsobjekten fremder Kapitalisten wurden, 
hat es Deutschland verstanden, den staatlichen Einfluss so zu lenken, dass sich der private Unter- 
nehmungsgeist im Eisenbahnbau betätigt, aber der Allgemeinheit dienstbar bleibt. Heute steht 
Deutschland mit einem Eisenbahnnetz von 59.000 km an der Spitze aller europäischen Staaten. 
Der Abstand wäre noch grösser, wenn sich ein einwandfreier Vergleich der Verkehrsleistungen her- 
stellen liesse, wozu aber die statistischen Unterlagen nicht ausreichen. 
Das Bild wäre dabei einseitig, wenn nicht in Rechnung gezogen würde, dass Deutschland 
unter allen europäischen Weststaaten das reichste. bestverteilte und leistungsfähigste Wasserstrassen- 
netz besitzt. Die Ziffern über die Ausdehnung des Netzes geben nur einen schwachen Anhaltspunkt, 
denn von entscheidendem Einfluss ist die Art und Dauer der Benutzbarkeit. Es weisen an schiff- 
baren Wasserstrassen auf (nach Viktor Kurs im „Handwörterbuch der Staatswissenschaften‘“): 
natürliche künstliche zusammen 
in 
Deutschland ........2.22cceoseeeeenenaeeenn een 8.667 6.602 15.269 
Frankreich .........2.22cccennuneenennennnenenen 4.817 8.918 13.735 
Grossbritannien und Irland.........ccceeccccsa. 4.339 5.137 9.476 
Norwegen ....22222neseeeeeeeeeneenenane nennen 6.243 (Fjords) 713 6.956 
Schweden ..........222eeeoneennaeenennneo nen 6.269 471 6.740 
Niederlande ..........22cccneeeeneeen euere ren 919 3.561 4.480 
Nach amtlichen Erhebungen haben sich die Verkehrsleistungen Deutschlands auf den Eisen- 
bahnen und den Wasserstrassen in folgender Weise gesteigert: 
Länge in km Verkehrsleistung in Mill. Tonnenkilometern 
Jahr der Eisenbahnen der grösseren bei Eisenbahnen bei Wasserstrassen 
Wasserstrassen 
1875 26.500 10.000 10.980 2. 
1905 54.400 10.000 44.600 (Zuwachs 309 %) 15.000 (Zuwachs 417 %) 
Einen Begriff von dem Verhältnis der Verkehrsmittel im Binnenlande und zur See erhält 
man, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die deutschen Eisenbahnen in ihren Güterwagen über 
einen Laderaum von 7 Mill. Tonnen. die Binnenschiffe über einen solchen von 6 Mill. und die See- 
schiffe über einen solchen von 2.8 Mill. Tonnen verfügen, wobei aber zu berücksichtigen ist, dass 
der Laderaum der Binnenverkehrsmittel viel intensiver ausgenutzt wird als jener der Seeschiffahrt. 
Die Verkehrsmittel haben aber die Industrie nicht geschaffen. Wenn Russland sein unge- 
heures natürliches Wasserstrassennetz von 54.872 km durch künstliche Kanäle noch erweitern 
wollte, so würde es in vielen Fällen dadurch nicht reicher, eher ärmer. Der Drang zu einer Bedürfnis- 
steigerung muss schon vorhanden sein, und den erzeugt nur die Hebung des gesamten Kulturniveaus. 
Da treffen wir auf eine günstige Wirkung der alten vielbespöttelten und vielbeklagten Kleinstaaterei 
in Deutschland. Der absolutistische Merkantilismus führte fast überall zu einer Überernährung der 
Reichsmetropole auf Kosten der übrigen Teile, die jeweils höchste Kulturstufe erklomm nur eine 
kleine Schicht der Bevölkerung, die Provinz kam umso langsamer nach, je weiter sie entfernt war. 
In Deutschland war durch den Wettbewerb der verschiedenen Staaten das Kulturniveau ausge- 
glichen worden, es gab zahlreiche geistige Mittelpunkte und Bildung wurde nicht nur durch die 
Schulen, sondern auch durch die rege Vereins- und Genossenschafts-Tätigkeit in die breitesten 
Schichten der Bevölkerung getragen. Infolge dieser beispiellosen kulturellen Homogenität war eine 
Uosumme von Bedürfnissen latent vorhanden, welche die Verkehrsmittel nur zu wecken brau chten
	        
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