40 Conrad Haussmann, Der Linksliberalismus.
I. Die deutsche Volkspartei ist eine Partei des politischen Fortschritts; sie bekennt sich zu den demo-
kratischen Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit und verlangt die gleichartige Mitw.rkung aller Staatsbürger,
bei Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtssprechung, die Durch ührung der Selbstregierung des Volks im Staate.
II. Die Volkspartei ist eine Partei der nationalen Gemeinschaft und der bundesstaatlichen Selbstver-
waltung. Sie tritt ein für die unverbrüchliche Einheit des deutschen Vaterlandes, wie für die Erhaltung der Selbst-
ständigkeit und die Gleichberechtigung aller deutschen. Volksstämme.
III. DieVolk:partei ist eine Partei der sozialen und wirtschaftlichen Reformen. Sie erkennt an, dass die
staatlichen und gesellschaftlichen Fragen untrennbar sind, und dass die wirtschaftliche und soziale Hebung der
arbeitenden Klassen und die Verwirklichung der politischen Freiheit sich gegenseitig bedingen. Sie erstrebt den
friedlichen Ausgleich der sozialen Gegensätze in einer die Freiheit des Einzelnen verbürgenden Gesellschafts-
ordnung.
IV. Die Volkspartei ist eine Partei des Friedens. Sie erkennt im Krieg und im Militarismus die schwerste
Schädigung des Volkswohlstandes, wie der Kultur- und Freiheitsinteressen. Sie erstrebt einen Friedens- und
Freiheitsbund der Völker.
Im Reichstag hatte die Politik Bismarcks, welche dazu bestimmt war, den demokratischen
Liberalismus in die Opposition zu treiben, die Deutsche Volkspartei an die Seite der Fortschritts-
partei und Eugen Richters geführt. Auch in der Zeit nach 1895 ergab sich ein tatsächliches Zu-
sammenarbeiten der Deutschen Volkspartei vor allem Anfang des Jahrhunderts bei dem Kampf
gegen den hochschutzzöllnerischen Zolltarif mit der Freisinnigen Volkspartei und mit der Frei-
sinnigen Vereinigung, die aber alle in getrennten Fraktionssitzungen arbeiteten. Ausserbalb des
Parlaments vollzog sich dann eine Verschmelzung zwischen der ‚.Freisinnigen Vereinigung“ und
der vierten linksliberalen Richtung, der ‚nationalsozialen Partei“, die von der starken Per-
sönlichkeit Friedrich Naumanns geführt und belebt war. In der Folge aber trat
Theodor Barth, der dem Reichstag nicht mehr angehörte, aus der Freisinnigen Vereinigung
aus kurz vor seinem Tode 1908, der zwei Jahre nach dem Tode Eugen Richters eintrat.
In den folgenden Jahren war im Parlament allmählich die Zeit einer Vorherrschaft
des Zentrums dadurch eingetreten, dass dieses auf der Mittellinie zwischen der national-
liberalen und konservativen Politik gesetzgeberisch tätig wurde, sie stellte für die so gerichtete
Politik eine Mehrheit her und machte sich der Regierung des Kanzlers Hohenlohe und nachher
Bülow nützlich, nicht ohne ihre Unentbehrlichkeit durch zeitweiliges Abrücken nach links fühlbar
zu machen. Unter dieser Konstellation und unter dem Vorrücken des schutzzöllnerischen Agrarier-
tums, das sich in dem „Bund der Landwirte“ eine scheinbar politisch neutrale Organisation
geschaffen hatte und auf die Erhöhung der Lebensmittelzölle drängte, wuchs die Sozialdemo-
kratie immer stärker heran, welche schliesslich 1903 eine Zahl von Mandaten erlangte, die es dem
Zentrum als der ziffermässig stärksten Fraktion des Reichstags ermöglichte, auch mit der Sozial-
demokratie allein eine Mehrheit zu bilden. Als das Zentrum im Dezember 1906 bei der materiell
untergeordneten Frage einer letztmaligen Ausgabe für die Aufstandstruppen in Südwestafrika von
dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht hatte und die Regierung, mit der in dieser Frage die drei
übrigen Parteien, Rechte, Nationalliberale und Linksliberale gestimmt hatten, in die Minderheit
versetzt war, löste Fürst Bülow den Reichstag auf. Er schuf damit, zunächst nur für die
Wahlen, die über die abgelehnte Forderung entscheiden sollten, eine neue Parteikon-
stellation. Sie erhielt in den Wahlen tatsächlich die Mehrheit. Nachdem jene Forderung
bewilligt war, versuchte Reichskanzler Bülow die }alb zufällig entstandene Parteigruppierung
der neuen Mehrheitsparteien ent«prechend seiner Wahlparole zur Grundlage einer konservativ-
liberalen Regierungspolitik zu machen. Die drei Linksliberalen Parteien, die fünfzig Mandate
erlangt hatten, schlossen sich in dieser neuen Situation parlamentarisch zu einer Fraktions-
Gemeinschaft zusammen und erklärten, jenen Versuch, welcher der Wählerkonstellation
entsprach, so lange nicht hindern zu wollen, als die Regierungspolitik dem Liberalismus Vor-
teile tatsächlich bieten werde. Der Versuch der Blockpolitik des Fürsten Bülow glückte im ersten
Jahr bei dem liberalen Reichsvereinsgesetz, das vom Zentrum und von der Sozialdemokratie be-
kämpft wurde und auch noch im zweiten bei dem konstitutionellen Vorstoss der November-
debatte, scheiterte aber im dritten Versuchsjahr an der Reichsfinanzreform, aus
welcher Konservative und Zentrum die Reichserbschaftssteuer ausmerzten. Der Nebenzweck ihrer
Politik war, den Fürsten Bülow zum Rücktritt zu zwingen. Der „Blau-schwarze Blook“,