56 Eduard Bernstein, Der Revisionismus in der Sozinldemokratie.
in dem bekannten Satz aus seiner 1869 gegen Schweitzer gerichteten Rede „Die politische Stellung
der Sozialdemokratie‘ zum Ausdruck kommt, die den Parlamentarismus verwirft. Sie lautet:
„Die Sozialdemokratie darf unter keinen Umständen und auf keinem Gebiet mit den
Geguern verhandeln. Verhandeln kann man nur, wo eine gemeinsame Grundlage
besteht. Mit prinzipiellen Gegnern verhandeln heisst sein Prinzip opfern. Prin-
zipien sind unteilbar; sie werden entweder ganz bewahrt oder ganz geopfert. Die
geringste prinzipielle Konzession ist die Aufgebung des Prinzips. Wer mit Feinden
parlamentelt, parlamentiert, wer parlamentiert, paktiert.‘
Diese Sätze sind nun freilich nie in der deutschen Sozialdemokratie buchstäblich befolgt
worden. War doch auch Liebknechts engerer Bundesgenosse August Bebel schon damals ın
bezug auf den Parlamentarismus etwas andre Wege gegangen, so dass die Rede zugleich an seine
Adresse gerichtet war. Aber Liebknecht siegte persönlich über Schweitzer, und bei seiner grossen
Popularität beeinflusste seine Beurteilung des Parlamentarismus doch lange Zeit das Denken seiner
Partei. Sie konnte dies um so mehr, als sie im Endergebnis in hohem Grade mit den Anwendungen
zusammenfiel, die Marx und Engels aus ihrer Lehre vom Klassenkampf und den ökonomischen
Entwicklungsgesetzen der Gesellschaft gezogen hatten, so wenig Liebknechts Deduktion, dass man
schon durch blosses Verhandeln mit Gegnern Prinzipien opfere, der materialistischen Geschichts-
auffassung entspricht. Dieletztere Theorie ist aber systematisch erst Ende der siebziger Jahre und im
Laufe der achtziger Jahre in der Sozialdemokratie propagiert worden und eroberte die Geister in
der Epoche des Bismarck’schen Ausnahmegesetzes, die nicht geeignet war, eine Abrechnung mit
jenen politischen Deduktionen herbeizuführen.
Nachdem aber das Sozialistengesetz gefallen war, musste das Bedürfnis nach jener Abrech-
nung sich um so eher aufdrängen, als schon in den letzten Jahren der Geltung des Gesetzes die
Sozialdemokratie dem Parlamentarismus einige weitere Zugeständnisse (Teilnahme an Kom-
missionsberatungen etc.) gemacht hatte, und das starke Wachsen ihrer Vertretungen im Reichstag
und den Landtagen verstärkte Wahrnehmung von Arbeiterinteressen möglich machte. Es er-
folgten im Jahre 1891 die Reden Georg von Vollmars in München über die nächsten Aufgaben
der Sozialdemokratie, die eine Konzentration auf bestimmte Reformen vorschlugen, und wenn
der Vorschlag auch noch im Herbst jenes Jahres auf dem Kongress der Sozialdemokratie zu Erfurt
eine Ablehnung erfuhr, so war die Diskussion der Fragen, die die Debatte über ihn aufgewühlt
hatte, damit noch nicht abgeschlossen.
Neue Fragen traten vielmehr hinzu. So gegen die Mitte der neunziger Jahre die Agrar-
frage. Dieimmer stärkere Hinaustragung der Agitation auf das platte Land, wo man namentlich
in Süddeutschland mit demokratisch gerichteten Klein- und selbst Mittelbauern zusammenstiess,
sowie der damalige grosse Preissturz auf dem Markt der Hauptprodukte der Landwirtschaft legten
den Gedanken nahe, dass die Sozialdemokratie sich auch der Bauern anzunehmen habe. Aber wie
sollte das geschehen und wo war die Grenze zu ziehen, wenn die Partei sich nicht mit den Sätzen
des eignen, 1891 in Erfuıt beschlossenen Programms in Widerspruch setzen wollte, das die Bauern
als eine vor dem Grossgrundbetrieb versinkende Schicht geschildert hatte? Es geschah in den De-
batten über diese Frage, dass zuerst die Parole Revision der Parteianschauungen
ausgegeben wurde. Aufdem Parteitag von Breslau (1895) erklärte der Delegierte Dr. Bruno Schön-
lank, es vollziehe sich eine „Revision der Vorstellungsweise“ in der Sozial-
demokratie, eine „Umbildung der Begriffe“, die „unaufhaltsam weitergehe“ und vor
der „der Fanatismus der Parteidogmatiker zu zerbröckeln“ beginne. (Breslauer Protokoll S. 152.)
Prinzipiell war damit die Grenze einer bloss taktischen Diskussion schon überschritten, war die
theoretische Grundlage des Parteiprogramms an einem wichtigen Punkt in Frage gestellt.
Andere warfen die Frage auf, ob die materialistische Geschichtsauffassung in der Auslegung stimme,
in der sie zumeist in der Partei propagiert wurde, ob der bewussten Aktion nicht eine grössere ge-
schichtliche Bestimmungskraft zugeschrieben werden müsse, als wie es nach jener Auslegung er-
scheine, und schliesslich ward 1899 in einem Buch des Unterzeichneten ‚Die Voraussetzungen des
Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ ausgeführt, die Sozialdemokratie müsse die
dee von einem in Bälde zu erwartenden wirtschaftlichen Zusammenbruch der Gesellschaft ganz