Full text : Das Goldene Buch des Deutschen Volkes an der Jahrhundertwende.

Das  Hütten:

Als  wichligster  Faktor  zur  Belebung  und  Bebung  des  Bergbaues  und  der  gesamten  Industrie  haben  wir  die  Dampikraft
kennen  gelernt,  als  ein  zweiter  mächtiger  Faktor  ist  an  der  Wende  des  Jahrhunderts  der  elekirische  Strom  binzugetreten,
und  zwar  bier  als  &Gebilfe  des  Dampies,  zur  Ueberiragung  der  durch  diesen  erzeugten  Krali  des  elektrischen  Stromes,  dort
als  mächtiger  Konkurrent  des  Dampfes,  wo  bisher  unbenutzie  Wasserkräfte  es  ermöglichen,  den  elektrischen  Sirom  billiger
als  mil  Dampfkrait  zu  erzeugen  und  ihn  zum  Beiriebe  einer  grossen  Zahl  von  Arbeitsinaschinen,  sowie  zur  Beleuchtung
für  den  Bergbau  und  die  gesamte  Industrie  nutzbar  zu  machen.  Oberbergrat  &.  Köhler.

1  as  mit  dem  Bergbau  verschwisterte  Büttenwesen  Deutschlands  sieht  mit  der  Jahrhundertwende  neben  Nordamerika  und
F  Srossbritannien  führend  an  der  Spitze  der  metallurgisch  thätigen  Völker  der  Welt.  Aus  kleinen  Anfängen  hervorgegangen,
viellach  an  ältere  Arbeiten  und  Betriebe  des  Altertums  sich  anschliessend,  in  erster  Linie  auf  Gewinnung  der  als  Zablungsmittel
  unentbehrlichen  Edelmetalle  gerichtet,  darum  auch  vorwiegend  von  der  Landesherrschaft  selbst  ausgeübt,  wuchs  das
hüttenwesen  mur  langsam  bis  gegen  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  heran.  Meist  waren  die  @ewinnungsarbeiten  an  die
Öertlichkeit  des  Vorkommens  gebunden;  die  dichten  Wälder  lieferten  in  der  Bolzkoble  den  Brennstoff  ımd  die  durch  Bauwerke
  geregellen  Wasserstürze  die  Kräfte  zur  Metallbearbeitung  und  zu  NDebenbeirieben.

Dieses  Bild  blieb  dasselbe,  bis  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  mächtige  Faktoren  alle  Kreise  des  öffentlichen  und  gewerblichen
Lebens  zu  beeinilussen  begannen;  am  meisten  aber  wirkte  die  gleichzeitig  begonnene  Entwickelung  der  Daturwissenschaften
und  ihre  Anwendung  auf  die  Erklärung  auch  technischer  Erscheinungen.  Gerade  das  Küttenwesen  zog  grosse  Vorteile  von
der  neuen  Anschauung  und  bedurlte  derselben  auch  um  so  mehr,  als  jast  aleichzeilig  aus  dem  Schoss  der  Praxis  heraus  zwei
noch  nicht  gekannte  Hilfsmittel  erwuchsen,  welche  die  Husgangspunkte  der  neuen  Metallurgie  werden  sollien,  wern  ihre
Bedeutung  zum  Teil  auch  viel  weiler  reichte.  Das  gilt  besonders  von  der  von  Boulton  und  Watt  erfundenen  Dampfmaschine,
welcher  seitens  des  Bergbaus  wie  des  Küttenwesens  sehr  bald  die  grossarligsten  und  schwierigsten  Aufgaben  gestellt  werden
konnten,  und  von  der  allgemeinen  Benutzung  der  mineralischen  Brennstoffe  im  @rossbiltenbetrieb  und  dem  Ersatz  der  Bolzkoblen
  in  berden  und  Schachiöfen.  Damit  Band  in  Band  ging  die  Erfindung  neuer  Prozesse,  z.  B.  des  Puddelprozesses  für
Eisen  und  Stahl,  welcher  zur  vollständigen  Umgestaltung,  zu  einer  ungeahnten  Steigerung  der  betreffenden  Fabrikationen  führte.  —
Die  kontinentalen  Kriege  vermochten  die  Entwickelung  wohl  zu  hemmen,  nicht  aber  aufzubalten;  @leiwitz  blies  1796  den
ersten  Kokshochofen  des  Testlandes  an,  Königsbütte  folgte  1800—1804  mit  4  anderen,  während  auch  die  anderen  Kreise  des
hüllenwesens  unentwegt  weiter  strebten  und  arbeiteten,  oft  seufzend  unter  der  Kriegeslast,  doch  voll  Beffnung  auf  die  Stunde
der  Beireiung.  —-  Die  unterdessen  weiterverbreitete  Dampfmaschine  gestallele  ganz  andere  und  vielseitigere  Kraftanlagen,
als  es  die  Wasserwerke  vermochten,  und  nachdem  noch  die  Lokomofive  und  der  Dampfer  als  weitere  Früchte  der  Erfindung
sich  eingelunden  hatten,  erschien  die  Leistungsfähigkeit  im  Bereich  des  Billlenwesens  ohne  Grenzen.  Die  Schmelzöfen  wuchsen
in  die  höhe  und  wurden  mit  mächtigen  Dampfmaschinengebläsen  betrieben;  die  Puddelöien,  welche  die  alten  Berde  in  der
Leistung  um  das  Adytlache  übertrafen,  die  zugehörigen  Bammer-  und  Walzwerke  sieigerten  die  Hervorbringung  des  schmiedbaren
  Eisens  in  ungeahnter  Weise,  und  Band  in  Band  damit  ging  die  Entwicklung  des  Eisenbahnbau-  und  Maschinenwesens,
einschliesslich  Brücken-  und  Bochbau.

Die  durch  die  napoleonischen  Kriegsjahre  zurückgestaute  Unternehmungslust  erwachte  zu  neuem  Leben.  €s  gab  viel  zu
erselzen,  und  auch  in  Deutschland,  besonders  in  Preussen,  ging  man  eifrig  und  mit  allen  Hilfsmitteln,  namentlich  denen
der  unterdessen  aufgekeimten  technischen  Wissenschaften  ausgerüstet,  vor,  die  einheimischen  Metallschätze  zum  Ceil  genau
zu  eriorschen  und  das  Bekannte  in  grösserem  Masse  als  gescheben  zum  Ausdruck  zu  bringen.  Männer  wie  Karsien  und
Reil  in  Schlesien,  v.  Decken  und  v.  Oeynhausen,  sowie  Krupp,  Barkort  u.  a.  im  Westen  waren  Pfadfinder  und  Leiter,  und  so
boi  das  Billtenwesen  bald  ein  ganz  anderes  Bild  dar  als  vordem.  Den  nächsten  Impuls  gaben  die  Eisenbahnen,  deren  ersie
Einführung  vom  3.  Jahrzehnt  des  Jahrhunderis  datiert,  deren  Entwicklung  aber  langsanı  voranschrilt,  so  dass  ihr  voller  Ein-Nuss
  sich  erst  weil  spater  geltend  machte.  Croizdem  trat  auch  in  den  Tagen  schüchternen  Anfangs  der  durdy  die  erleichterte
Verbindung  hervorgerufene  Wettbewerb  um  so  mehr  hervor,  als  vorher  die  zollpolitischen  Veränderungen  Deutschlands  viele
Schlagbäune  vernichlel  und  die  Menschen  einander  näheraerückt  hatten.

Gleich  nach  vollendetem  halben  Jahrhundert,  als  das  Zeitalter  der  Ausstellungen  angebrochen  war  und  die  seitherige  Entwickelung
dadurch  so  recht  zur  Anschauung  kam,  riei  eine  Erfindung  von  B.  Bessemer,  Robeisen  durch  ein  einfaches  Verlabren  in  Stahl
zu  verwandeln,  die  nächste  Umwälzung,  zunächst  im  Eisenhüttenbeirieb  hervor,  und  von  dem  Zeitpunkt  des  Bekanntwerdens
  (1856)  kann  man  die  neueste  Entwickelungsphase  des  Büttenwesens  notieren.  Unbekannte  Seiten  des  Gewerbes  enthüllten
  sich,  die  Leisiungsfäbigkeit  der  Apparate  und  Zubebör  steigerlen  sich  ins  unermesslihe  und  haben,  nachdem  inzwischen
durch  kleine  technische  Modilikalionen  der  Bessemerprozess  sich  als  allgemein  anwendbar  gezeigt,  forigefahren,  sich  zu
entwickeln.  —  Wenn  auch  vielfach  die  erste  Erfindung  der  neuen  Meihoden  von  Ausländern  herrührt,  jedenfalls  bat  Deutschland
  an  der  wissenschalllichen  Ausbildung  und  Ausgestaltung  derselben  bervorragenden  Anteil  genommen  und  ihn  auch  so
energisch  beihäligt,  dass  es  jetzt  die  dritte  Stelle  der  eisenproduzierenden  Nationen  der  (Welt  einnimmt  und  das  vor  ihm
stehende  England  bald  überflügelt  haben  wird,  um  neben  das  führende  Amerika  zu  rückten.

Auch  in  anderen  Zweigen  des  Bültenwesens  zeigt  sich,  soweit  Rohstoffe  vorhanden  sind,  der  gleiche  Fortschritt,  und  abaesehen
hiervon  haben  deuische  Wissenschaft  und  technische  Bildung  auch  in  fernen  Zonen  vollberechtigte  Mitarbeit  gefunden,  so  dass
unter  dem  Zeichen  des  durch  Deutschlands  Macht  und  Grösse  geschützten  Weltwerkehrs  der  deutsche  Rüttenmann  allüberall  die
Gelegenheit  finde,  an  der  Aufklärung  der  Weliverhältnisse  auch  zum  Nulzen  des  engeren  Uaterlandes  sicher  mitzuarbeiten.

Prof.  Dr.  €.  5.  Dirtre.

Wirtschalisleben  26