Full text : Landeskunde des Königreiches Sachsen. Ausgabe A.

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frische  Natur  eine  Stätte  des  Todes  übersponnen,  die  viele  altehrwürdige
Erinnerungen  festhält.  Wir  stehen  vor  der  Ruinenstätte  des  größten
Klosters  in  altsächsischen  Landen.  Auf  Anregung  seiner  Gemahlin
ließ  es  einst  Markgraf  Otto  der  Reiche  (1162)  erbauen  und  be—
schenkte  die  Stiftung  mit  Feld  und  Wald  und  den  Einkünften
zahlreicher  Dörfer.  In  den  Zellen  wohnten  Mönche  mit  weißen
Kutten  und  schwarzem  Schulterkleide.  Schweigend  saß  der  Pförtner
am  Tor  und  überwachte  den  Eingang.  Fleißig  grub  der  Gärtner
das  Land  und  pflanzte  Reben  und  Rosen  in  den  fruchtbaren  Boden.
Emsig  kelterte  der  Kellermeister  den  Saft  der  Traube  und  verschloß
ihn  in  bergenden  Fässern.  Geschäftig  malzte  der  Brauer  die
Gerste  und  kochte  Bier  in  dampfenden  Kesseln.  Still  gebückt  saß
der  Schreiber  im  gewölbten  Zimmer  und  malte  Noten  und  bunte
Schriften.  Erust  schritt  der  Magister  durch  den  Schulraum
und  lehrte  in  lateinischer  Sprache  vornehme  Knaben,  welche  dic  berühmte
  Klosterschule  besuchten.  Scharen  von  Wallfahrern  traten
ehrfurchtsvoll  in  die  Hallen  der  Kirche,  wo  ein  Kreuzesbild  Wunder
wirkte.  Roß  und  Reiter,  Fuhrwerk  und  Wandergesell  kehrten  in  dem
gastlichen  Kloster  ein,  das  jährlich  Tansende  von  Gästen  bewirtete.
Noch  heute  ragt,  nachdem  ein  Blitzstrahl  das  Kloster  zerstört  hat,
das  Winterhaus  empor,  in  dem  der  Speisesaal  der  Klosterbrüder  lag.
Noch  heute  fließt  das  Wasser,  das  die  Mönche  einst  unter  der  Umfassungsmaner
  in  den  Klostergarten  geleitet  haben.  Noch  heute  sind
in  den  Obst-,  Feld=  und  Waldanlagen  die  Spuren  des  Segens  zu
entdecken,  welchen  das  Kloster  über  die  ganze  Landschaft  breitete.
Vor  allem  aber  sind  die  Grabsteine  und  Grabgemälde  noch  zum  Teil
erhalten,  die  von  sächsischen  Fürsten  hier  aufgerichtet  wurden.  Denn
das  Kloster  ist  eine  alte  Begräbnisstätte  der  Wettiner,  die  von  Otto
dem  Reichen  an  bis  auf  Friedrich  den  Streitbaren  hier  beigesetzt
worden  sind.  Jetzt  wölbt  sich  über  der  Fürstengruft  eine  einfach
schöne  Kapelle.  Sandsteinmauern  bergen  die  fürstlichen  Gebeinec,  und
ein  Marmordenkmal  hält  die  Erinnerung  an  die  Toten  fest.  Da
steigen  unter  rankendem  Grün  ernste  Gedanken  an  die  Vergänglichkeit
  des  Lebens  in  unserer  Seele  auf.  Es  ist  eine  Stätte  ernster
Einkehr  und  stiller  Sammlung  —  der  Klosterort  im  Tal.

3.  Zu  dem  Kloster  gehörte  in  früherer  Zeit  auch  die  Stadt,
die  sich  weiter  abwärts  in  dem  Tale  der  Mulde  ausbreitet.  Es  ist
Roßwein  (9  T.),  ein  Ort,  der  schon  frühzeitig,  durch  glückliche
Lage  begünstigt,  ein  reiches  gewerbliches  Leben  zeigte.  Die
Strömung  der  Mulde  trieb  Mühlwerke,  das  Korn  der  Umgebung  zu
mahlen.  Gerber  und  Färber  wurden  durch  das  fließende  Wasser  angelockt
  und  zogen  Felle  und  Gewebe  durch  die  reinigende  Flut.  Vor
allem  wurde  in  der  Nähe  eine  vorzügliche  Erde  eutdeckt,  die  sich  zum
Walken  des  Tuches  eignete.  Schon  im  14.  Jahrhunderte  schlossen
sich  die  Tuchwirker  zu  einer  Innung  zusammen,  die  Ende  des
17.  Jahrhunderts  300  Meister  zählte.  Unter  Hinweis  auf  seine
Stellung  wurde  der  Lehrling  vor  der  offenen  Meisterlade  auf-