Full text : deutsches Wörterbuch. Zweiter Band H-O. (2)

881  Mundvoll  —  mündig.

Bismarck  Reden  11,  70.  —  Mundvoll,  m.  so  viel  ein
Mund  fassen  kann,  Zusammenrückung  wie  hand-,  maulvoll
  (s.  d.):  das  sie  auch  keinen  einzigen  mundfoll  ohn
sorg  .  essen  Wickram  Nachb.  394;  oberdeutsch  in
mumpfel  zusammengezogen.  —  Mundvorrat,  m.  Vorrat
an  Speise  und  Trank,  Ubersetzung  des  fremden  Proviant
Campe.  —  Mundwerk,  n.  Werk  mit  dem  Munde,  Rede,
Redeweise:  falsch  zeugnis  reden,  ist  nichts  anders  denn
mundwerk,  was  man  nu  mit  dem  mundwerk  wider  den
nehesten  thut,  das  wil  gott  gewehret  haben  Luther
4,  404b;  —  gewöhnlich  —  Werk,  Getriebe  des  Mundes,
Sprechfähigkeit,  Redegabe:  er  hatte  mehr  mundwerk
als  beredtsamkeit  Schiller  7,  183;  in  nicht  gewählter
Rede:  er  hat  ein  gut  mundwerk  Stieler;  auch,  von
der  Fähigkeit,  Böses  zu  reden:  indem  er  gar  ein  böses
mundwerk  hat  Iffland  Spieler  5,  1.—  Mundwinkel,  m.
Winkel  an  der  einen  oder  andern  Seite  des  Mundes;
beim  Mienenspiel:  verächtlich  die  m.  zucken;  hättest
du  die  geringschätzung  in  dem  lächeln  seiner  mundwinkel
  gesehen  C  FMeyer  Ang.  Borgia  48.
Mündel,  m.  der  unter  Gewalt  und  Schutz  eines
Andern  steht;  Ableitung  von  einem  alten  ausgestorbenen,
noch  in  mundig,  vormund  (s.  d.,  und  vgl.  auch  oben
mundtot)  bewahrten  Fem.  ahd.  mhd.  munt,  altengl.

mund  Schutz,  Gewalt,  Oberherrschaft,  von  dem  abd.38

mundling,  mhd.  mündelinc,  altniederd.  aber  mundili,
mittellat.  mundilio,  später  mitteldeutsch  mündelin,  im
15.  Ih.  mundelein  (Germ.  28,  375  von  1167)  gebildet
ist,  welches  sich  in  der  Schriftspr.  langsam  ausbreitet,
seit  18.  Ih.  allgemein  geworden  ist,  gewöhnlich  als
Masc.  für  männliche  wie  für  weibliche  Schutzbefohlene:
an  dem  furstlichen  hofe  wurde  prinzessin  Sophronie
als  mundel  erzogen  Goethe  Wanderj.  3,  10;  (weil)  der
vormund  nicht  über  das  vermögen  des  mundels
verfügen  dürfte  Treitschke  4,  99;  der  ehegatte  des
mundels  bürgerl.  Gesetzb.  §  1729;  ausnahmsweise  als
Neutr.:  das  mundel  des  Fagan  (Titel  eines  Lustspiels)
Lessing  4,  113;  jetzt  auch  als  Fem.  für  einen  weiblichen
  Schutzbefohlenen:  meine  mündel  ist  volljährig
geworden.

Munden,  zu  Munde  gehen,  als  Nahrung  behagen;
zufrühest  im  Niederl.  als  monden,  wel  monden  (placere
Datato  Kilian)  vorhanden,  im  16.  Ih.  hochdeutsch:  was
sie  (die  Frau)  doch  köcheln  soll,  das  dem  manne  mundte
Fischart  podagr.  Trostb.  D  4b;  im  17.  Ih.  als  Hofwort
  bezeugt  und  verspottet:  zu  hof  sagt  man  munden:
  warumb  nicht  zungen?  gurglen?  oder  bauchen?
Philander  2,  16;  immer  gewähltes  Wort  geblieben,
im  eigentlichen  wie  im  freieren  Sinne:  es  will  nicht
munden.  Stieler;  wie  mundet  heut  der  rebensaft
Arnim  Kronenwächt.  1,  362;  (es  würde)  ihm.  wie
nektar  munden  rauhe,  harte  speise  Grillparzer  9,  91;
während  mir  ein  zufall  noch  weniger  munden  wollte
Keller  Werke  2,  22.  —  münden,  sich  ergießen  (vgl.
mund  =  Mündung  eines  Wasserlaufs);  ahd.  als  munden
bezeugt,  aber  erst  in  neuerer  Spr.  empor  gekommen,
von  Campe  zuerst  verzeichnet:  ein  mundender  flus:;
brausend  vor  freude,  munden  die  quellen  Lenau  212;
refl.:  wo  der  siebenarmige  Nil  sich  mundet  Platen
Abbass.  5,  176;  auch  von  Röhren,  Höhlen,  Wegen  gebraucht;
  die  straszen  munden  alle  auf  dem  markte;
vgl.  aus-,  einmunden.

Mündig,  Gewalt  über  sich  habend,  sich  selbst  vertretend
  und  schützend;  Ableitung  vom  Fem.  mund  Schutz,
Gewalt  (vgl.  unter  mundel),  ursprünglich  als  mundich

mittelniederdeutsch,  früh  auch  in  mitteldeutscher  Rechtsspr.:
  ehir  dy  kinder  muncdig  werden  Magdeb.  Fragen
1,  ",  4;  verbreitet  und  in  der  Rechtsspr.  geblieben  (vgl.
auch  unmundig):  mundige  kinder,  das  mündige  alter
erreicht  haben;  mündig  gesprochen  werden;  sohn
der  jetzt  mundig  geworden  sci  Heyse  10,  214;  wurden
die  braunschweigischen  prinzen  mit  dem  vollendeten;

M.  Heyne,  Deutsches  Worterbuch,  II.

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achtzehnten  jahre  mundig  Treitschke  3,  560;  in
freierem  Sinne:  mein  general!  du  machst  mich  heute
mundig  Schiller  Wallenst.  Tod  2,  2;  dies  gefühl,  das
mich  plötzlich  mündig  gemacht  hat  Heyse  4,  208;
schon  früher  umgedeutet  auf  die  Gabe  des  Sprechens:
die  weisheit  öffnete  der  stummen  mund,  und  machet
der  unmündigen  zungen  beredt  Weish.  Sal.  10,  21;  in
neuerer  Spr.:  würde  er  (der  Dichter)  eines  von  den
beiden  kindern  des  Herkules,  welche  seine  beiden  vorgänger
  nur  stumm  aufführen,  müundig  machen  können
Lessing  4,  254;  wie  dann  in  älterer  Spr.  auch  mündig
für  mundlich  gilt:  ein  mundige  botschaft  Dief.=Wülcker.
  —  Mündigkeit,  f.  Zustand  eines  Mündigen;
in  der  Rechtsspr.  die  jahre  der  m.  erreichen,  zur  m.  gelangen;
  frei,  von  einem  Künstler:  unter  fernem  griechischen
  himmel  zur  mundigkeit  reifen  Schiller  10,  300.

Mündlich,  dem  Munde  nach,  mit  dem  Munde;  erst
spät  mhd.  bezeugtes  Wort,  bei  Luther  in  Bezug  auf
Speise  und  Trank:  vom  mundlichen  leiblichen  essen
3,  5295;  der  leib  und  blut  im  brot  und  weine  werde
mündlich  geessen  und  getrunken  511b;  sonst  seit  14.  Ih.
in  Bezug  auf  das  Sprechen,  gewöhnlich  im  Gegensatz
zu  schrittlich:  zwen,  die  .  muntlich  fragen  solten
Buch  der  Beisp.  168,  1;  rette  mit  om  muntlichen  KödizZ
,  32;  mündlich  mit  euch  zu  reden  2.  Joh.  12;  mundliche
  botschaft,  erklärung;  öffentliches  mündliches  gerichtsverfahren;
  weil  ich  .  vieles  der  mündlichen
mittheilung  vorbehalte  Moltke  1,  109;  im  liede  kühn,
allein  verlegen  mündlich  Platen  Sonette  94;  mündlich
  zu  sondieren  Bismarck  Reden  14,  321;  dazu
Mündlichkeit,  f.:  öffentlichkeit  und  m.  des  gerichtsverfahrens.
  —  Mündung,  f.  das  Münden  und  die
Stelle  wo  es  geschieht;  erst  seit  dem  späteren  17.  Ih.
hervrorgetreten,  zum  Teil  unumgelautet:  mundung  eines
stuck  geschuützes,  eines  schöpfbrunnens,  mundung  eines
groben  geschutzes  Kramer  nider-hocht.  Wb.;  seit  18.  Ih.
häufig,  eigentlich  und  bildlich:  der  strom  unsers  wissens
schlängelt  sich  rückwärts  zu  seiner  mundung  Schiller
2,  352;  aus  der  rauchenden  mündung  ihrer  schwefelkamine
  Räub.  1,  2;  vor  der  müundung  des  Po  C  FMeyer
Ang.  Borgia  201;  das  kommando:  feuer!  wird  gegeben,
  sobald  die  mundungen  der  gewehre  ruhig  stehen
Ex.-Regl.  19.

Munkelei,  f.  wiederholtes  Munkeln.  —  munkeln,
heimlich  verfahren;  erst  im  Nhd.  bezeugt,  Wiederholungsbildung
  zu  einer  Wurzel  munk-,  ohne  Nasal
muk  -,  die  wohl  in  engster  Beziehung  zu  der  unter
meuchel  genannten  ahd.  Wurzel  müch-  steht;  vom  heimlichen
  Thun  überhaupt:  eine  einzele  person,  welche  im
tunkeln  munkelt  (der  Winkelpriester  beim  Abendmahle)
Luther  6,  882;  vom  Naschen:  auf  den  hangärten  und
gunklen  thun  sie  (die  Weiber)  kändelen  und  münkeln
Albertinus  v.  Gastereien  u.  Zutrinken  162;  schweiz.
munggelen  behaglich  und  schnell  kauen  Stalder;  gewöhnlich
  vom  heimlichen  oder  undeutlichen  Sprechen,
—  murmeln:  nur  nicht  zu  bitzig,  munkelte  der  politische
  rathsherr  Wieland  Abd.  3,  8;  der  pater
munkelte  etwas  von  wunderbarer  fürbitte  der  heiligen
Gaudy  Erz.  81;  zu  jener  zeit  munkelte  der  graf
Canossa  mit  dem  legaten,  wurde  belauscht  CFMeyer
Nov.  2,  73;  vom  Flüstern  der  Verliebten,  sprichwörtlich
im  dunkeln  ist  gut  munkeln;  —  als  Gerücht  herumbieten,
  heimlich  eine  Nachricht  verbreiten:  man  munkelt
auch  allerlei  Kotzebue  Kleinstädt.  1,  11;  da  fingen  die
leute  am  ..  von  einer  schlacht,  welche  die  Preuszen
bei  Saalfeld  verloren  haben  sollten,  zumunkeln  Gaudy
Erz.  157;  wir  hörten  so  etwas  munkeln  Benedix  rel.
Stud.  2,  4;  auch:  die  sage  munkelt,  dasz  sie  im  zorn
den  rater  selbst  nicht  schont  Heyse  3,  247;  unpersönlich:
  wie  es  munkelt  (das  Gerücht  lautet)  Voß  Luise
3,  2,  410;  landschaftlich  übertragen  auf  drohendes  Regenwetter:
  es  munkelt  am  himmel,  das  wetter  munkelt;

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Mündigkeit  —  munkeln.