Full text: Die Hohenzollern und ihr Werk.

252 Die Begründung des Gesamtstaats 1648—1688. 
als sein jüngerer Bruder, Markgraf Ludwig, außer ihm der einzige noch übrige 
Sohn der Kurfürstin Luise, im Jahre 1687 starb, da war gewissenloser Hofklatsch 
gleich wieder geschäftig, das Gerücht zu verbreiten, daß er vergiftet worden sei; 
der Kurprinz suchte die Mörder in der nächsten Umgebung seiner Stiefmutter 
und fürchtete seitdem selbst für sein Leben. Er war schwächlich, etwas verwachsen, 
von schwankender Gesundheit, damals noch kinderlos. Man kann sich des Ein- 
drucks nicht erwehren, daß der Kurfürst lieber einen Nachkommen seines ältesten 
Sohnes aus zweiter Ehe, eines starken und gesunden Mannes, als Thronerben 
gesehen hätte. Mit der Gemahlin des Kurprinzen, der hannöverschen Sophie 
Charlotte, die ihren Gemahl stark beeinflußte, und zwar im Sinne der damals 
von feindseliger Stimmung gegen Brandenburg getragenen welfischen Politik, 
stand er in einem gespannten und unfreundlichen Verhältnis. Nicht ohne die 
Schuld des alten Herrn, der seine Worte nicht immer vorsichtig abwog, kam es 
im Jahre 1687 zu einem offenen Bruch; das kurprinzliche Paar, das damals in 
Karlsbad weilte, weigerte sich, nach Berlin zurückzukehren, und ging vielmehr 
an den feindlich gesinnten hannöverschen Hof. Der Kurfürst war darüber sehr 
aufgebracht, er drohte sogar mit Enterbung und Abänderung der Thronfolge. 
Schließlich wurde das Zerwürfnis beigelegt durch die Vermittlung des Land- 
grafen von Hessen-Kassel, des Vaters der ersten, früh verstorbenen Frau des Kur- 
prinzen, und das Paar kehrte im Herbst 1687 nach Berlin zurück. Der Kurprinz 
hat sich damals mit dem Vater ausgesöhnt; das Verhältnis wurde seitdem ein 
besseres als zuvor; er wurde jetzt auch in die Geheimnisse der großen Politik 
eingeweiht, namentlich in die Verhandlungen mit dem Oranier, die er mit Eifer 
verfolgte. Von dem Schwiebuser Revers aber hat der Kurfürst niemals etwas 
erfahren. 
Trotz der schweren Leiden, die ihm ankündigten, daß es mit ihm zu Ende 
gehe, hat der 68jährige Herrscher die Zügel seines Staates bis zuletzt fest in den 
Händen behalten; erst zwei Tage vor seinem Tode hat er aufgehört, die Regie- 
rungsgeschäfte in der gewohnten Regelmäßigkeit zu erledigen. Am 7. Mai 
versammelte er seinen Geheimen Rat zum letztenmal um sich. Er nahm Ab- 
schied von seinen Räten und betonte noch einmal die Hauptinteressen des 
Staates, wobei er einen Rückblick auf seine tatenreiche Regierung warf. Dann 
nahm er den Kurprinzen noch besonders beiseite und gab ihm seine letzten 
väterlichen und fürstlichen Ermahnungen. Wie ein Patriarch ging er dahin. 
Nachdem er sein Haus bestellt und seinen Erben gesegnet hatte, rief er einen Geist- 
lichen zu sich, mit dem er in Gebet und erbaulichem Gespräch beisammenblieb. 
Noch einen schweren Tag und eine schwerere Nacht hatte er zu überstehen; am 
Morgen des 9. Mai ist er gestorben, umgeben von seiner Familie und seiner 
Dienerschaft. 
Ein großes Leben war damit zu Ende gegangen. Friedrich Wilhelm ist der 
erste Fürst des brandenburgischen Hauses, dem man eine welthistorische Stellung 
anweisen darf. Freilich war die Gebietsgrundlage seines Staates noch zu schmal 
und zu wenig zusammenhängend, das Gewicht seiner Machtmittel noch nicht 
schwer genug, als daß man ihn unter den Leitern der europäischen Politik nennen 
könnte. An Politiker wie Richelieu und Mazarin, Gustav Adolf und Karl X. 
Gustav, Cromwell und Wilhelm III. von Oranien reicht das Maß seiner welt- 
historischen Wirksamkeit kaum heran. Aber das lag in den geringen Macht-