Full text: Die Hohenzollern und ihr Werk.

Würdigung der Persönlichkeit und der Regierung des Großen Kurfürsten. 253 
mitteln seines Staates, nicht in seiner Persönlichkeit begründet. Seine Per— 
sönlichkeit war aus dem Stoffe geformt, aus dem die Weltgeschichte ihre großen 
Männer bildet. Ehrgeiz und Kraft, ein nie ruhender Tätigkeitsdrang, ein 
unermüdlicher Unternehmungsgeist, eine allen Veränderungen der politischen 
Lage sich schnell anpassende Elastizität — das sind die bezeichnenden Züge seines 
politischen Charakters, mit denen er die vor ihm in Brandenburg herrschende 
Mittelmäßigkeit weit überragt. In vielfach verschlungenen Bahnen, manchmal 
geradezu im Zickzackkurs, geht seine Politik. Er hat niemals ein festes, starres 
politisches System von Allianzen und Maximen gehobt; aber das Interesse seines 
Staates, das noch durchaus im patrimonialen, dynastischen Gewande erscheint, 
als das Interesse des Hauses Brandenburg — das ist das festbleibende, unver- 
rückbare Ziel seines Strebens gewesen. Um es zu fördern, hat er unbedenklich 
seine Bündnisse und die nächsten Ziele seiner Politik gewechselt, wenn die Lage 
es forderte. Er war noch nicht imstande, den Kurs der Politik im großen anzu- 
geben; er mußte sich den wechselnden Konjunkturen anpassen, wie sie sich im 
Rivalitätskampf der großen Mächte ergaben; er mußte lavieren, um nicht zwischen 
den europäischen Kolossen, in deren Mitte er sein Staatsschiff zu steuern hatte, 
zerdrückt zu werden oder die Selbständigkeit und Unabhängigkeit einzubüßen, 
die doch die höchste Errungenschaft seiner Staatskunst war und blieb. Fast mit 
jeder der maßgebenden Mächte hat er in enger Verbindung und dann wieder in 
entschiedener Feindschaft gestanden. Es blieb der Grundsatz seiner Politik, die 
Wage zu halten zwischen den beiden großen Mächtegruppen, die am Ende seiner 
Regierung sich darstellten in dem Gegensatz von Frankreich mit seinen An- 
häugern auf der einen, dem Kaiser und den Seemächten auf der andern Seite. 
Er hat keine festen und dauernden Bündnisse gehabt, weil er keinem seiner Ver- 
bündeten in irgendeinem Moment das Interesse seines Staates zum Opfer zu 
bringen bereit gewesen ist. " 
Man kann ihn als den Begründer des größeren brandenburgisch-preu- 
ßischen Gesamtstaats bezeichnen; nicht, als hätte er die ererbte oder erworbene 
Ländermasse schon zum einheitlich verwalteten, zentralisierten Großstaat um- 
geschaffen; aber er hat seinem Staatswesen den Geist eingehaucht, der die 
Schöpfung des modernen Großstaats vollbringen sollte: den Trieb zur Macht, 
die auf militärischer und finanzieller Grundlage ruht. Die Anfänge des stehenden 
Heeres, das als ein Werkzeug rein monarchischer Politik geschaffen wurde, be- 
zeichnen am stärksten die große Umwandlung der staatlichen Zustände unter seiner 
Regierung. Die finanzielle Selbständigkeit der neuen Militärmacht ist von ihrem 
Begründer noch nicht erreicht worden; aber in diesem Stück haben die Nachfolger 
das Werk vollendet. 
Der ehrgeizige Trieb, eine Großmacht zu werden, ist das Erbteil der 
Regierung Friedrich Wilhelms, die nachhaltige Wirkung seines großen politischen 
Beispiels. Seine welthistorische Bedeutung ist sozusagen eine mittelbare: als 
der geistige Urheber der Größe des preußischen Staates hat er seine Stellung 
in der allgemeinen europäischen Geschichte. Diese Größe hat er selbst nicht 
mehr gesehen, aber er glaubte an sie mit einer Art von religiöser Zuversicht. Er 
glaubte sich ganz persönlich, mit seinem Haus und Staat, in Gottes Schutz 
gestellt; er fühlte sich in den höchsten Momenten seines Lebens als ein Instrument 
des göttlichen Willens und der göttlichen Pläne. Darum ist der Schutz der