Full text: Die Hohenzollern und ihr Werk.

Die ostelbische Kolontsation im 12. und 13. Jahrhundert. 33 
Fische und Wild, mit guter Weide und geräumigem Ackerboden. Darauf habe 
sich dann eine unzählige Menge Menschen aus allen jenen Ländern aufgemacht 
und seien zum Grafen von Holstein gezogen, um das gelobte Land in Besitz zu 
nehmen. Ahnlich wird es allerorten gewesen sein, wo die Kolonisation ins Werk 
gesetzt wurde. Es war nicht Elend und Verzweiflung, was diese Auswanderer- 
scharen über die Elbgrenze führte, sondern der Drang nach eigenem Landbesitz, 
nach einer selbständigen wirtschaftlichen Existenz, nach einem reicheren, freieren 
Leben, als es in der zu eng gewordenen Heimat ihnen möglich war. Bis weit 
nach Polen und Ungarn hinein sind solche deutschen Kolonistenzüge im Laufe von 
zwei Jahrhunderten vorgedrungen: an der baltischen Küste bis nach Livland hin- 
auf, an der Donau entlang bis nach Siebenbürgen hinein, in den mittleren 
Landen an vielen Stellen weit über die Oder hinaus bis ins Gebiet der Weichsel 
hincin. In einigen Ländern, ganz besonders in dem preußischen Ordenslande, 
trägt die Kolonisation den Charakter einer kriegerischen Mission, einer wahren 
Eroberung; auch Heinrich der Löwe ist an den Grenzen seiner Herrschaftsgebiete, 
in Mecklenburg und Holstein, ziemlich gewaltsam verfahren. Aber im großen und 
ganzen ist der Charakter der Kolonisation mehr friedlich und wirtschaftlich gewesen, 
mochten nun geistliche Stifter, wie das Erzbistum Magdeburg, oder welltliche 
Fürsten das Werk in die Hand nehmen. Auch die Mönchsorden, die in erster 
Linie die Aufgabe der Christianisierung des Slawenlandes ergriffen haben, die 
Prämonstratenser im 12. und später die Zisterzienser im 12. und 13. Jahrhundert, 
waren von dem Geiste einer friedlichen und wirtschaftlichen Kolonisation erfüllt. 
Alle ihre Klöster waren zugleich Ackerbaukolonien und Musterwirtschaften; neben 
den Geistlichen, denen die Erfüllung der priesterlichen Pflichten oblag, war eine 
zahlreiche Laienbrüderschaft für die materielle Kultur tätig. Dieser Geist geht 
auf die Disziplin des Erzbischofs Norbert zurück, die die Werke der Mission und 
der Kolonisation eng miteinander verband. Das Kloster Unserer lieben Frauen 
in Magdeburg war der Mittelpunkt für die Wirksamkeit der Prämonstratenser, 
die sich über das ganze nordöstliche Deutschland erstreckte. In gesteigerter Energie 
wirkte dieselbe Tendenz später in dem Orden der Zisterzienser fort, der durch den 
würdigen Nachfolger Norberts, den Erzbischof Wichmann, ebenfalls von Magde- 
burg aus, geleitet wurde. Die Zisterzienser besaßen eine traditionelle Wissenschaft 
in der Urbarmachung sumpfiger Landschaften, wie man sie sonst nur bei den 
holländischen und flämischen Ansiedlern fand; für viele Teile des Kolonialgebiets 
war das von größtem Wert. 
Die vorwaltende Macht im slawischen Osten, das seit Boleslaw I. (10.Jahrh.) 
zur Selbständigkeit aufstrebende Polenreich, war für das Christentum gewonnen 
und hat unter Boleslaw III. der christlichen Mission des Bischofs Otto von 
Bamberg in den pommerschen Landen Vorschub geleistet. Aber seit dem Tode 
dieses starken und tüchtigen Herrschers (f 1139) geriet es wieder in Schwäche 
und Verfall, so daß der deutschen Kolonisation von dieser Seite her keine 
Schwierigkeiten bereitet worden sind. In mauchen slawischen Ländern, wie 
in Pommern und Schlesien, haben die eingeborenen slawischen Fürsten- 
geschlechter selbst den Strom der deutschen Kolonisten in ihr Land geleitet, 
um es wirtschaftlich zu heben und seine Erträge zu steigern; in Polen hat 
noch im 14. Jahrhundert Kasimir der Große deutsche Dörfer und Städte 
gegründet. 
Hinse. Hohenzollern. 3