Full text: Die Hohenzollern und ihr Werk.

34 Die Mark Brandenburg vor den Hohenzollern. 
Es kann gar keine Rede davon sein, daß die slawische Bevölkerung durch 
die deutschen Kolonisten überall verdrängt oder ausgerottet worden wäre. An 
einigen Stellen mag das geschehen sein, namentlich zu Anfang, wo sich etwas 
von Kreuzzugsgeist in die Ausdehnungsbestrebungen mischte, ganz besonders in 
der Nähe der Grenze des deutschen Mutterlandes und in Fällen, wo wiederholte 
Aufstände und Rückfälle in das Heidentum den Stammeshaß oder den religiösen 
Fanatismus anfachten; aber im großen und ganzen wird die wendische Bevölkerung 
sitzen geblieben sein und sich im Lauf der Zeit auch wohl zum Teil mit den 
deutschen Ansiedlern vermischt haben. Dabei ist allerdings zu beachten, daß sie 
keineswegs sehr zahlreich gewesen sein kann, da erst die allmählich fortschreitende 
Urbarmachung des Landes eine dichtere Besiedlung ermöglicht hat. Den 
schwereren Boden vermochten die Wenden mit ihrem hölzernen Hakenpfluge 
noch gar nicht zu bewältigen; erst die eiserne Pflugschar der deutschen Ansiedler 
hat ihm Früchte abgewonnen. Das deutsche Volkselement hatte in jeder Hinsicht 
das Übergewicht über das wendische und gab durchaus den Ton an; die Kultur 
dieser Kolonialgebiete wurde rein deutsch. Aber die Blutmischung, die in diesen 
ostelbischen Ländern, namentlich auch in den höheren Kreisen, stattfand, ist doch 
auch nicht ohne politisch bedeutende Folgen geblieben: das allzu spröde germanische 
Wesen, das mehr zur selbständigen Absonderung des einzelnen als zum Zu- 
sammenschluß im Dienst eines größeren Ganzen neigt, ist durch den Zusatz der 
weicheren, schmiegsamen slawischen Art für den Zweck der Staatsbildung bild- 
samer geworden, als es sich anderswo, ohne solche Beimischung, gezeigt hat. 
Man hat doch wohl nicht mit Unrecht von einer besonderen „preußischen Rasse“ 
gesprochen, die hier im östlichen Kolonialgebiet als eine Abart deutschen Volks- 
tums sich herausgebildet hat; sie beruht neben dem Beisatz flawischen Blutes 
namentlich auch auf der Mischung verschiedener deutscher Stämme, deren An- 
gehörige sich bei der Kolonisation beteiligt haben, und sie hat, wie andere Misch- 
rassen — die Nordfranzosen, die Engländer, die Piemontesen — die politische 
Führung der Gesamtnation übernommen; hier offenbar aus dem Grunde, weil 
sie für eine militärisch-politische Disziplinierung geeigneter war als die mehr 
unvermischt gebliebenen deutschen Volksteile. Freilich ist ja irgendeine Rassen- 
mischung fast überall vorhanden; von einer rein-germanischen Rasse wird man 
in Deutschland nur an wenigen Stellen reden können. Und die Eigenart deutschen 
Volkstums, die einer tausendjährigen Kultur entstammt, ist im Nordosten nicht 
minder stark und echt als im Westen und Süden, wo das deutsche Blut sich vielfach 
mit keltischem gemischt hat — von anderen Urbestandteilen ganz zu schweigen. 
In diesen Fragen darf man das treffende Wort Lagardes nicht vergessen, daß 
das Deutschtum nicht sowohl im Geblüt, sondern vor allem im Gemüt liegt. 
In der Mark Brandenburg ist es das tatkräftige Fürstengeschlecht der 
Askanier, das die Führung bei dem Werke der Kolonisation in die Hand genommen 
hat. Es stammt von einem alten sächsischen Grafengeschlecht, das, im sächsischen 
Schwabengau am Ostabhang des Harzes seßhaft, nach seinen verschiedenen Be- 
sitzungen bald als Grafen von Ballenstedt, bald als Anhaltiner (Anhalt), bald 
als Askanier (von der Burg Ascaria oder Ascania bei Aschersleben) seinen 
Namen führt. 
Ein Sproß dieses Geschlechts, Albrecht von Ballenstedt, wurde von Kaiser 
Lothar zum Lohn für seine in Deutschland und Italien geleisteten Dienste im