Full text : Unser Preußen.

Dritter  Zeitraum.
Breußen  als  Vormacht  des  Deutschen  Kaiserreichs.

I.  Die  Errichtung  des  Deutschen  Reichs
durch  Kaiser  Wilbelm  den  Großen.
1861-1888.

1.  Jugend  und  erlke  Regierungsjahre
1  Willelms  I.

rinz  Wilhelm,  der  zweite  Sohn  Friedrich  Wilhelms
  III.,  war  am  22.  März  1797  geboren.  Da  er
als  Kind  oft  krank  war,  erfreute  er  sich  in  besonderem
Maße  der  sorgsamen  Pflege  seiner  Mutter,  der  Königin
Luise.  Als  mit  dem  Tage  von  Jena  die  schwere  Heimsuchung
  über  das  Königliche  Haus  und  das  ganze  Land
hereinbrach,  war  der  Prinz  schon  alt  genug,  den  Schmerz
mitzuempfinden,  und  unauslöschlich  prägte  sich  ihm  das
V##  Bild  der  weinenden  Mutter  ein,  die  auf  der  Flucht  in  Schwedt

190  zu  ihren  Söhnen  sprach:  „Ihr  seht  mich  in  Thränen,  ich  beweine
den  Untergang  der  Armee.  Handelt,  entwickelt  eure  Kräftel!
Vielleicht  läßt  Preußens  Schutzgeist  sich  auf  euch  hernieder!“
  Schon  nach  wenigen  Jahren  mußte  er  an  dem  Sterbelager
  der  geliebten  Mutter  stehen.  Der  Kronprinz  war  lebhaft,  voll  geistreicher
  Einfälle,  Prinz  Wilhelm  dagegen  wie  der  Vater,  mit  dem  er  auch
äußerlich  die  meiste  Ahnlichkeit  hatte,  einfach,  bieder  und  verständig;  schon
früh  zeigte  sich  seine  große  militärische  Begabung.  Wegen  seiner  nicht  festen
Gesundheit  durfte  er  1813  nicht  sofort  mit  ins  Feld  ziehen;  wie  freute  er
sich  daher,  als  sein  Vater  ihn  bald  nach  der  Schlacht  bei  Leipzig  abholte.
In  dem  Gefecht  bei  Bar  fur  Aube  (S.  218)  erwarb  er  sich  durch  seine
Unerschrockenheit  den  russischen  Georgsorden  und  das  Eiserne  Kreuz;  auch
zog  er  zweimal  mit  in  Paris  ein.  Nach  dem  Kriege  widmete  er  sich  ganz
der  militärischen  Laufbahn  und  wurde  durch  Pünktlichkeit,  praktischen  Blick
und  reiche  Kenntnisse  das  Vorbild  des  ganzen  Heeres.

Da  die  Ehe  des  Kronprinzen  kinderlos  blieb,  so  wurde  Prinz  Wilhelm
nach  des  Vaters  Tode  zum  Thronerben  ausersehen  und  erhielt  den  Namen
Prinz  von  Preußen;  er  stand  seitdem  seinem  Königlichen  Bruder  treu  zur
Seite  und  ordnete  die  militärischen  Angelegenheiten  fast  selbständig.  In  den
Revolutionstagen  (1848)  riet  er  dem  Könige,  nicht  nachzugeben,  und  mußte

   
  
  

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