Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 1. Hälfte.) 37
muß Ich sagen, die Einrichtung der Verbände und des Zentral-Ausschusses
sind eine schöne Sache, insofern, als zum Gedeihen des Handwerks durch sie
Gottesfurcht und Sittlichkeit gepflegt werden.“
1. Hälfte März. (Zur Polen-Ausweisung.) Aus dem
Graudenzer „Geselligen“ wird folgende Erzählung verbreitet:
„In einem landwirtschaftlichen Verein kamen in der Sitzung die
Nachteile der Massenausweisungen russisch-polnischer Arbeiter für die westpreußische
Landwirtschaft zur Sprache aus Anlaß eines Antrags des Vereins
Christburg, die Staatsregierung zu ersuchen, sie möge veranlassen, daß der
Zuzug von Arbeitern aus dem russischen Nachbarlande während der Zeit
vom 1. April bis Martini nach denjenigen Kreisen möglichst erleichtert
werde, in welchen infolge der Auswanderung nach dem Westen ein erheblicher
Rückgang der Bevölkerungsziffer und infolge dessen ein fühlbarer
Mangel an Arbeitskräften zu bemerken ist.
Der Vorsitzende, Herr von Puttkamer-Plauth, tritt für diesen
Antrag ein, indem er nach dem Graudenzer „Geselligen“ ausführte, „die
Gefahr einer Polonisierung der Grenzkreise liege nicht vor, denn wenn die
Arbeiter sich länger hier aufhielten, als in den Sommermonaten, sei es
leicht, sie über die Grenze zurückzuspedieren. Man hat dem Minister v. Puttkamer
die Schuld an dem Arbeitermangel infolge der Ausweisungen in die
Schuhe geschoben; doch ist er es gerade gewesen, welcher den Reichskanzler
auf die aus den Ausweisungen für die Landwirtschaft erwachsenden Schäden
aufmerksam gemacht hat; der Reichskanzler aber erwiderte: „in vier Wochen
müssen 40,000, d. h. Polen hinaus.“
1. Hälfte März. (Welfische Sympathien der Orthodoxie.)
Das neubegründete Organ des Hofpredigers Stöcker „Das
Volk“ schreibt über das Welfentum in folgender Art:
„Ein Rechtsboden für die Beseitigung der Erbrechte des Herzogs
Ernst August wäre nicht vorhanden; er ließe sich nur durch eine gewaltsame
Beseitigung des bestehenden Erbrechts zu stande bringen. Wir haben schon
darauf hingewiesen, daß die besten Freunde Preußens in Hannover und im
Westen der Monarchie überhaupt eine ganz andere Regelung der braunschweigischen
Frage gewünscht haben und noch wünschen. Die evangelischen
Westfalen, welche schwarz-weiß bis auf die Knochen sind, haben in der verbreitesten
Zeitschrift des Minden-Ravensberger Landes (Evangelische Monatsschrift)
seinerzeit keine Zweifel darüber gelassen, daß sie die Beseitigung des
Herzogs Ernst August nicht billigten. Es ist gar nicht so schwer, die Bevölkerung
Hannovers zu gewinnen; aber bislang hat man alles gethan, sie
abzustoßen. Die Begünstigung der dem Volke verhaßten Nationalliberalen,
die verkehrte Kirchenpolitik, welche immer aufs neue dem Verdachte Nahrung
gibt. daß die Union begünstigt werden soll, die Ausschließung des Herzogs
Ernst August von der Thronfolge in Braunschweig — das sind politische
Mißgriffe wenigstens insofern gewesen, als aus ihnen die Abneigung gegen
die neuen Verhältnisse Hauptnahrung gesogen hat. Die wahren Freunde
Preußens haben das längst tief beklagt. Aber alle Klagen verhallen ungehört.
Inzwischen wächst die Abneigung der Bevölkerung gegen die neuen
Verhältnisse, anstatt sich zu mildern.“
Der Artikel erregt auch in konservativen Organen so mißliebiges
Aufsehen, daß Hofprediger Stöcker sich veranlaßt sieht, zu
erklären, er teile den Standpunkt des Artikels nicht.