vi Borwort.
denn ihm fehlen die Farben. Ebenso fehlt der geschriebenen
Sprache der Ausdruck des lebendigen Worts, um zu voller
Geltung zu kommen. Niemand wird leugnen daß das lebendige
Wort unendlich wirksamer ist, als das bloß geschriebene.
Wer sich des Unterschiedes zwischen der gesprochenen und
bloß geschriebenen Sprache recht klar bewußt werden will, denke
an das Theater. Die Werke der Dichter machen einen unverhältnismäßig
gewaltigeren Eindruck, wenn wir sie von der Bühne
herab hören, als wenn wir sie bloß lesen. Die Hauptursache der
großen Wirkung des Theaters besteht nun eben darin, daß uns
hier die Sprache in ihrer ganzen, lebendigen Gestalt entgegentritt,
nicht bloß in dem Abbilde eines Buches. Bei den Griechen und
Römern wurden die Werke der Dichter überhaupt nur vorgetragen,
— durch Rhapsoden oder in den großen Volkstheatern —
und wenig oder nie gelesen. Die dichterische Empfänglichkeit der
Griechen hat in diesem Umstande seine Hauptursache. In unsern
volkreicheren Ländern ist der Vortrag von Dichtungen dagegen
nur einem kleinen Teile des Volks zugänglich — und so ist
das Lesen für die Übrigen ein anerkennenswerter Ersatz.
Jedermann ist des lebendigen Wortes fähig, d. h. jedermann
kann sprechen. Allein nicht jeder kann gut sprechen, d. h.
nicht jeder kann klar, deutlich, ausdrucksvoll, kurz so sprechen,
daß sein Sprechen, — als solches — schon einen guten Eindruck
macht, ganz abgesehen von den Gedanken, die er ausspricht.
Das Sprechen ist eine Fähigkeit, die jeder besitzt, wie das Gehen.
Allein wie viele Menschen nicht schön gehen, ihren Körper nicht
gut tragen können, so vermögen auch viele, ja die meisten nicht
schön zu sprechen, Und wie die meisten Menschen erst durch
körperliche Übungen schön gehen, ihren Körper gut tragen lernen,
so muß auch das gut Sprechen erst durch UÜbung erworben
werden. Das Sprechen ist aber nicht bloß eine körperliche
Fähigkeit, sondern da durch die Sprache Gedanken, also Geistiges,
mitgeteilt werden, so wird auch geistiges Verständnis dazu
gehören gut zu sprechen. Deshalb wird dies aus einer bloßen
Fähigkeit zu einer Kunst, und zwar zur Kunst des Vortrags.
Vorwort. VII
Wie oben gesagt hat die Sprache zwei Formen, in denen sie
zur Erscheinung kommt, die Grammatik und den Ausdruck der
lebendigen Rede. Beide Formen haben ihre künstlerische Seite.
Der Stil ist die der Grammatik. Der Vortrag ist die
der lebendigen Rede.
Die gewöhnliche Art des Sprechens ist das Gespräch, wo
die Rede zwischen zwei oder mehr Personen wechselt. Sobald
aber in kleinerem oder größerem Kreise nur einer spricht und
die anderen hören, wird das Sprechen zum Vortragen. Schon
innerhalb eines Gesprächs kann sich eine Art Vortrag ent—
wickeln, wenn z. B. einer etwas Längeres erzählt, etwas erklärt,
seine Ansicht in längerer Rede entwickelt. Zur höchsten Stufe
steigert sich aber der Vortrag, wenn jemand berufen ist vor
einem größeren Auditorium zu reden, wie der Prediger, der
Rechtsanwalt, der Gemeinde= oder Volksvertreter, ꝛc. Bei dem
Vortrage ist aber das gut Sprechen eine unumgängliche Notwendigkeit,
da nur dadurch der Hörer gefesselt werden, und so
der Zweck des Vortrags erreicht werden kann.
Wenn man nun im gewöhnlichen Leben die Menge von
schlechten Angewohnheiten beim Sprechen, das Stottern, das
Lispeln, das Übereilen, das Verschlucken von Silben, die Undeutlichkeit,
die unschönen Anklänge an Mundarten und damit
die unreine Aussprache rc. hört, und wenn man dagegen betrachtet
daß in unseren Zeiten fast jeder in geselligen Kreisen,
vor Gericht, in Versammlungen, in der Offentlichkeit überhaupt
in die Lage kommt vor Zuhörern allein sprechen zu müssen, so
bedarf es wohl keines Beweises daß Ubungen in der Kunst des
Vortrags immer notwendiger werden.
Wenn der Vortrag nun eine Kunst ist, so muß sich dafür
auch eine Theorie aufstellen lassen, oder mit anderen Worten:
es muß für den Vortrag Grundsätze, Gesetze, Regeln geben. Für
eine dem Vortrage nahe verwandte Kunst, die des Gesanges,
hat man die Grundsätze, die Theorie, schon längst erforscht, und