Volltext : Der Mündliche Vortrag. Zweiter Teil. Die richtige Betonung und die Rhythmik der deutschen Sprache. (2)

vi  Borwort.

denn  ihm  fehlen  die  Farben.  Ebenso  fehlt  der  geschriebenen
Sprache  der  Ausdruck  des  lebendigen  Worts,  um  zu  voller
Geltung  zu  kommen.  Niemand  wird  leugnen  daß  das  lebendige
Wort  unendlich  wirksamer  ist,  als  das  bloß  geschriebene.

Wer  sich  des  Unterschiedes  zwischen  der  gesprochenen  und
bloß  geschriebenen  Sprache  recht  klar  bewußt  werden  will,  denke
an  das  Theater.  Die  Werke  der  Dichter  machen  einen  unverhältnismäßig
  gewaltigeren  Eindruck,  wenn  wir  sie  von  der  Bühne
herab  hören,  als  wenn  wir  sie  bloß  lesen.  Die  Hauptursache  der
großen  Wirkung  des  Theaters  besteht  nun  eben  darin,  daß  uns
hier  die  Sprache  in  ihrer  ganzen,  lebendigen  Gestalt  entgegentritt,
nicht  bloß  in  dem  Abbilde  eines  Buches.  Bei  den  Griechen  und
Römern  wurden  die  Werke  der  Dichter  überhaupt  nur  vorgetragen,
  —  durch  Rhapsoden  oder  in  den  großen  Volkstheatern  —
und  wenig  oder  nie  gelesen.  Die  dichterische  Empfänglichkeit  der
Griechen  hat  in  diesem  Umstande  seine  Hauptursache.  In  unsern
volkreicheren  Ländern  ist  der  Vortrag  von  Dichtungen  dagegen
nur  einem  kleinen  Teile  des  Volks  zugänglich  —  und  so  ist
das  Lesen  für  die  Übrigen  ein  anerkennenswerter  Ersatz.

Jedermann  ist  des  lebendigen  Wortes  fähig,  d.  h.  jedermann
kann  sprechen.  Allein  nicht  jeder  kann  gut  sprechen,  d.  h.
nicht  jeder  kann  klar,  deutlich,  ausdrucksvoll,  kurz  so  sprechen,
daß  sein  Sprechen,  —  als  solches  —  schon  einen  guten  Eindruck
macht,  ganz  abgesehen  von  den  Gedanken,  die  er  ausspricht.
Das  Sprechen  ist  eine  Fähigkeit,  die  jeder  besitzt,  wie  das  Gehen.
Allein  wie  viele  Menschen  nicht  schön  gehen,  ihren  Körper  nicht
gut  tragen  können,  so  vermögen  auch  viele,  ja  die  meisten  nicht
schön  zu  sprechen,  Und  wie  die  meisten  Menschen  erst  durch
körperliche  Übungen  schön  gehen,  ihren  Körper  gut  tragen  lernen,
so  muß  auch  das  gut  Sprechen  erst  durch  UÜbung  erworben
werden.  Das  Sprechen  ist  aber  nicht  bloß  eine  körperliche
Fähigkeit,  sondern  da  durch  die  Sprache  Gedanken,  also  Geistiges,
mitgeteilt  werden,  so  wird  auch  geistiges  Verständnis  dazu
gehören  gut  zu  sprechen.  Deshalb  wird  dies  aus  einer  bloßen
Fähigkeit  zu  einer  Kunst,  und  zwar  zur  Kunst  des  Vortrags.
                        
Vorwort. VII Wie oben gesagt hat die Sprache zwei Formen, in denen sie zur Erscheinung kommt, die Grammatik und den Ausdruck der lebendigen Rede. Beide Formen haben ihre künstlerische Seite. Der Stil ist die der Grammatik. Der Vortrag ist die der lebendigen Rede. Die gewöhnliche Art des Sprechens ist das Gespräch, wo die Rede zwischen zwei oder mehr Personen wechselt. Sobald aber in kleinerem oder größerem Kreise nur einer spricht und die anderen hören, wird das Sprechen zum Vortragen. Schon innerhalb eines Gesprächs kann sich eine Art Vortrag ent— wickeln, wenn z. B. einer etwas Längeres erzählt, etwas erklärt, seine Ansicht in längerer Rede entwickelt. Zur höchsten Stufe steigert sich aber der Vortrag, wenn jemand berufen ist vor einem größeren Auditorium zu reden, wie der Prediger, der Rechtsanwalt, der Gemeinde= oder Volksvertreter, ꝛc. Bei dem Vortrage ist aber das gut Sprechen eine unumgängliche Notwendigkeit, da nur dadurch der Hörer gefesselt werden, und so der Zweck des Vortrags erreicht werden kann. Wenn man nun im gewöhnlichen Leben die Menge von schlechten Angewohnheiten beim Sprechen, das Stottern, das Lispeln, das Übereilen, das Verschlucken von Silben, die Undeutlichkeit, die unschönen Anklänge an Mundarten und damit die unreine Aussprache rc. hört, und wenn man dagegen betrachtet daß in unseren Zeiten fast jeder in geselligen Kreisen, vor Gericht, in Versammlungen, in der Offentlichkeit überhaupt in die Lage kommt vor Zuhörern allein sprechen zu müssen, so bedarf es wohl keines Beweises daß Ubungen in der Kunst des Vortrags immer notwendiger werden. Wenn der Vortrag nun eine Kunst ist, so muß sich dafür auch eine Theorie aufstellen lassen, oder mit anderen Worten: es muß für den Vortrag Grundsätze, Gesetze, Regeln geben. Für eine dem Vortrage nahe verwandte Kunst, die des Gesanges, hat man die Grundsätze, die Theorie, schon längst erforscht, und