Metadata : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Zusatztelegramm  vom  10.  Juli.  553

spalt  zwischen  ihm  und  dem  König  läßt  sich  aus  der  Depesche  nicht  erschließen;
sie  beweist  nur,  daß  Bismarck  über  des  Königs  genauere  Absichten  noch
nicht  vollständig  orientiert  war  und  für  gewisse  Fälle  Schwierigkeiten  mit
ihm  fürchtete.

Seine  Absicht  war  offenbar  auch  jetzt  noch  nicht,  daß  der  Botschafter  auf
Grund  dieser  Information  mit  Napoleon  Friedensbedingungen  vereinbaren
solle;  jede  Andeutung  einer  Vollmacht  hierzu  fehlt;  im  Gegenteil  wird  stark
auf  den  vorläufigen  Charakter  des  ganzen  Programms  hingewiesen.  Goltz
sollte  eigentlich  nur  sondierend  mit  Napoleon  sprechen  und  dann  berichten;
wollte  Napoleon  auf  Grund  des  Gespräches  förmliche  Vorschläge  machen,
so  war  das  seine  Sache.  Der  eigentliche  Zweck  dieser  Sondierung  aber
war,  festzustellen,  was  fordert  Napoleon  im  jetzigen  Augenblick  für  die
Zulassung  großer  norddeutscher  Annexionen?  Will  er  noch  deutsches  Gebiet
  dafür  haben?  Will  er  außerdeutsche  Kompensationen?  Ferner,  bei
welcher  Ausdehnung  unserer  Ansprüche  in  Norddeutschland  beginnt  sein
Kompensationsanspruch?:  Wieviel  wird  er  uns  ohne  solche  Gegenleistung
zugestehen?  Will  er  einen  norddeutschen  Bund  mit  preußischem  Heerbefehl
  und  etwaiger  mäßiger  Gebietsverkleinerung  der  mächtigsten  Gegner
ohne  Kompensation  zugeben,  wenn  auf  Einverleibung  ganzer  feindlicher
Staaten  verzichtek  wird,  so  ist  Bis  marck  für  seine  Person  bereit,  für  ein  solches
Minimum  einzutreten,  weiß  aber  nicht,  ob  die  Justimmung  des  Königs
dafür  sicher  zu  haben  ist.  Auf  jeden  Fall  darf  Goltz  den  Kaiser  darüber  beruhigen,
  daß  Preußen  in  Süddeutschland  keinen  größeren  Einfluß  erftrebt,
als  ihm  das  von  Napoleon  gebilligte  Reformprojekt  einräumte,  ja  er  darf
mitteilen,  daß  die  Berufung  eines  norddeutschen  Parlamentes  und  damit
der  Verzicht  auf  ein  gesamtdeutsches  Parlament  geplant  sei.

Im  engsten  Jusammenhang  mit  dieser  Oepesche  steht  das  am  folgenden
Tage  von  Hohenmauth  aus  an  Goltz  abgeschickte  Ergänzungstelegrammi,
dessen  erster  Satz  bereits  von  Sybel  mitgeteilt  worden  ist  und  folgendermaßen
  lautet:  „Stellen  Sie  die  Alternative  zwischen  Annexion  und  Reformprojekt
  nicht  in  der  Art  auf,  daß  Lwischenstufen  mit  Annexion  einiger  gegnerischer
  Länder  ausgeschlossen  wären,  und  halten  Sie  daran  fest,  daß  jede  volle
Annexion,  die  ohne  Abtretung  preußischen  Gebiekes  erlangt  werden  kann,
besser  ist  als  die  halbe  auf  dem  Reformwege.“

gewiß  Vollannexionen  für  besser;  aber  seine  weiteren  Depeschen  zeigen  klar,  daß  er  bis  zuletzt
auch  mit  Teilannexionen  sich  abgefunden  haben  würde,  falls  Napoleon  die  Annexion  ganzer
Staaten  als  Kriegsfall  bezeichnet  hätte.

1  Es  wurde  von  Hohenmauth,  10.  Juli  11  Uhr  vorm.  durch  Feldjäger  zur  nächsten  Station
befördert.  Es  traf  bereits  am  rr.  Juli  in  Paris  ein,  wie  der  Bericht  des  Grasen  Goltz  vom
12.  Juli  zeigt.