88
Preußen und der norddeutsche Bund.
constatirt wurde, so liegt das daran, daß die sicheren Ziffern erst im März
und April festgestellt werden können. Die Regierung hat keine Schuld, wenn
bei der Stockung des Verkehrs die Bergwerke des Staates weniger abwerfen,
bei dem Stillstande der Bauten weniger Hölzer aus den Staatsforsten gekauft
werden und weniger Personen auf den Staatsbahnen fahren. Man wirft
uns vor, die Vorlagen seien eilig gearbeitet. Wenn dem so plötzlich sich
zeigenden Schaden gegenüber rasch Vorlagen ausgearbeitet worden, so sollte
man das nicht tadeln, sondern unseren trefflichen Beamten dafür dankbar sein.
Die Herren kennen nur die Alternative, die Steuervorlagen abzulehnen oder
mit der Befriedigung des Bedürfnisses zu warten, zu einer Amendirung lassen
sie sich gar nicht herbei. Als Bundeskanzler brauche ich allerdings kein Geld,
wohl aber als preußischer Minister. Ich bedarf ihre Bewilligung oder eine
Quittung über ihre Ablehnung, um mich vor dem Landtage zu legitimiren,
wenn er mich fragen wird, warum ich die besseren Steuern mir nicht vom
Reichstag habe bewilligen lassen. Meine Hoffnungen auf diese Bewilligungen
sind jetzt erheblich geschwunden, da man uns statt ihrer einige schätzbare Abhandlungen
über Verfassungsfragen und Aehnliches geboten hat. Man verweist
uns auf Ersparungen und zwar im Militäretat. Dieser Etat liegt
gesetzlich fest, aber man sagt uns, daß mit einigem guten Willen das Schloß
sich lösen ließe. Diese Frage ist mehr eine politische als eine finanzielle.
Thatsächlich haben wir die 2½jjährige Dienstzeit, weil das eiserne Budget für
die dreijährige gar nicht ausreicht, und die Mehrausgaben für das neue Geschützwesen
und die Fortificationen gar nicht in dasselbe aufgenommen sind.
Wäre die 2jährige Dienstzeit möglich, unsere sparsame Militärverwaltung
würde nicht zögern, sich für sie zu entscheiden. Es ist recht hart, mir die
Mittel zur Fortführung der Geschäfte zu versagen und doch zu erwarten,
daß ich sie fortführe. Den möchte ich sehen, der an meiner Stelle den Muth
hätte, zu entwaffnen! In Frankreich ist gesagt worden, daß die Sicherheit
seines Friedens von seinem Degen abhänge. Ich glaube, daß jedes Land
diesen Ausspruch auf sich anwenden kann, und daß auch unser Friede, unsere
Sicherheit auf unserer Wehrkraft beruht. Die Frage, wie der Degen beschaffen
sein muß, der diese friedenschützende Kraft hat, und was er kostet,
möchte ich nicht von Civilisten entscheiden lassen. (Beifall rechts.) Die Opposition
kennt kein Compromiß mit uns, sie weiß nur abzulehnen oder zu warten
bis auf den Nimmermehrstag. Ich bin bereit, den Landtag früher als gewöhnlich,
ich bin bereit, ihn sofort einzuberufen, denn auch nur sechs Monate
in der jetzigen Lage zu bleiben, wäre kaum erträglich. Auch der Reichstag
könnte noch einmal in diesem Jahre berufen werden, doch kann ich den Entscheidungen
des Präsidiums des Bundes nicht vorgreifen. Einstweilen bin ich
in der ungewöhnlichen Lage, daß mir jede Bewilligung verweigert und nicht
einmal ein Compromiß gewährt wird! Miquel erklärt sich in längerer
Rede gegen die Vorlage und spricht sein großes Mißtrauen gegen die jetzige
preußische Finanzverwaltung aus, wozu er sich hauptsächlich durch die Denkschrift
veranlaßt sieht. Frhr. v. d. Heydt ergreift noch einmal das Wort,
um die wiederholten Angriffe von dem preußischen Finanzministerium abzuwehren.
Löwe: Wenn sie (die Abgg.) sich gegen neue Steuern wehren, so
geschehe es nicht, weil der Executor bereits das Letzte abpfänden wolle, sondern
weil sie es dahin nicht kommen lassen wollten. Von einer Gefahr, daß
Preußen seinen Verpflichtungen nicht nachkommen würde, könne ja gar nicht
die Rede sein. Preußen mit seinem gefüllten Staatsschatz und ein angeblicher
Bankerott, — das seien schwer zu vereinigende Phantasiegemälde! Man sehe
ja, daß die Befürchtung des preußischen Finanzministers weder hier noch an
anderen Orten getheilt, ja nur geglaubt werde. Häbe etwa die Börse nach
dessen gestriger Rede die preußischen Papiere fallen lassen? Freilich müsse
Ordnung im Haushalt hergestellt werden, nicht aber durch Einführung neuer
Steuern, auch nicht durch kleine Ersparnisse, heute könne nur die Verminderung