Volltext : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

ruhre,  soweit  sie  der  Flotte  angebörten,  wurden  in  oerdiente  Strafe  genommen.
Das  Kriegegerlcht  erließ  elnzelne  Todesurteile,  die  an  den  am  schwersten  belasteten
  Leuten  auch  vollzogen  wurden.

Die  Marine  ersuchte  die  Reglerung,  gegen  die  eigentlichen  Schuldigen,
dle  hetzerlschen  Abgeord  neten,  wegen  Landesverrat#  vorzugehen.  Aber  es  stellte
sich  heraue,  daß  der  Nachfolger  Bethmanne  noch  wenlger  ais  dieser  selber  die
Totkraft  besaß,  ernstlich  einzugreifen  und  die  Zustimmung  der  Reichstagemehrbeit
  zu  einem  Vorgehen  gegen  die  durch  ihre  Immunität  gedeckten  Abgeordneten
  herbeizuführen.

So  war  die  Wunde  äußerlich  geschlossen:  in  der  Tiefe  fraß  das  Geschwür
weiter.  Feindiiche  und  umstürzlerische  Propaganda  fanden  vor  wie  nach,  wie
in  die  Schützengräben,  so  auch  in  die  Mannschafteräume  der  Flotte  Eingang.
Während  aber  drauhen  am  Feinde  noch  lange,  so,  bei  der  überwältlgenden  Mehr--heit
  der  Fronttruppen  bie  zur  Heimkehr  der  Armee  die  drängende  Not  des
Kampfes  und  die  Erhebungen  gemeinsam  crfochtener  Abwehrsiege  als  Gegengift
  wirkten,  das  die  Zersetzungskeime  gerstörte,  flel  die  tatenlose  oder  im  aufreizend
  eintönigen  Minensuch-  und  Wachdienst  aufgerlebene  Marinemannschaft
lhnen  wlderstandelos  zum  Opfer.  Das  war  die  lietzte  Auswirkung  der  Bethmannschen
  Marinepolltik:  „den  Feind  nicht  zu  reizen“  und  die  Flotte  „in  Watte
zu  verpacken“,  um  sie  „beim  Friedensschluß  in  die  Wagschale  werfen  zu  können“:
die  Flotte  wurde  zur  Brutstätte  der  Revolution.

„Die  Magiert  kamen  —  doch  keiner  verstand
zu  deuten  die  Flammenschrift  an  der  Wand.“

2.

Und  dennoch:  Englands  Seeherrschaft  wankte.

Das  Mittel  zu  ihrem  Sturz  war  gefunden.  Frage  war  bloß,  ob  Deutschland
  noch  U-Boote  und  U-Boot-Besatzungen  genug  ine  Treffen  führen  konnte,
um  die  therretische  Gefährdung  so  weit  in  die  Praxle  umzusetzen,  daß  sie  Englands
  zähe  Widerstandskraft  untergrübe.  Den  Deutschen  war  nach  ihren  bisberigen
  Leistungen  allee  zuzutrauen.  Und  den  ganzen  Sommer  1917  hindurch
bielten  sich  die  Bersenkungszlffern  auf  einer  derart  bedrohlichen  Höhe,  daß  die
Hoffnung  der  Westmächte,  bie  zum  militärischen  Eingreifen  Amerikas  sich  eine
weitere  große  Unternehmung  zu  Land  ersparen  zu  können,  zuschanden  wurde.
Sah  es  nicht  aus,  als  könne  die  Tätlgkeit  der  stählernen  Meerhaie  gar  den  Seetransport
  der  amerikanischen  Hilfsarmee  In  schwere  Gefahr  bringen?  Es  war,
nach  einer  englischen  Stimme,  „die  kritischste  und  tödlichste  Zeit  gekommen,  die
England  seit  Krlegsbeginn  erlebt  hatte“.

Es  mußte  etwas  geschehen.  Einc  Offensive  der  Grand  Fleet  gegen  dle
deutsche  U-Boot-Basie  ln  der  Nordsee  war  jetzt  gar  nicht  mehr  möglich:  die  hatte
England  slch  durch  selne  gewaltlgen  Minensperren  selber  verbaut.  Aber  innerhalb
der  Reichwelte  des  englischen  Landheeres  lag  der  zweite  Stützpunkt  des  Vernichtungskrieges,
  der  Englands  Lebensnero  bedrohte:  die  deutsche  U-Boot-Basie
in  Flandern,  die  Häfen  von  Brügge  und  Zeebrügge.

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