Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

Below:  Diplomatie

dischen  Presse  Sorge  zu  tragen.  In  der  Frage  des
Auslanddeutschtums  8  der  Gedanke  der  nationalen
Gemeinschaft  oft  außer  acht  gelassen  und  eine  unangebrachte
  Nachgiebigkeit  dem  fremden  Staat  gezeigt
  worden,  wenn  auch  zu  konstatieren  bleibt,  daß
dieser  Tadel  keineswegs  die  gesamte  Diplomatie  trifft.

Die  Zusammensetzung  der  Diplomatie.  Die
Diplomatie  ist  stets  vorzugsweise  ein  Geschäft  der
vornehmeren  Stände  gewesen.  Die  Gründe  dafür
liegen  in  der  wünschenswerten  äußeren  Repräsentation,
  der  der  Aristokratie  eigenen  gesellschaftlichen
Turnüre,  ihrer  weltmännischen  Art,  der  Kostspieligkeit
  des  diplomatischen  Dienstes,  aber  auch  in  dem
Festhalten  der  politischen  überlieferungen  des  Staates.
Neuerdings  ist,  wie  bemerkt,  über  die  ausschließliche
Zusammensetzung  der  Diplomatie  aus  dem  Junkertum

eklagt  worden.  Doch  nimmt  man  bei  näherer  Prüfung
  wahr,  daß  das  Junkertum  im  eigentlichen  Sinn
keineswegs  allein  vertreten  ist.  Neben  ihm  steht  die
Gruppe  der  Standesherren,  und  neben  alten  Familien
  finden  sich  neue;  von  den  adligen  Diplomaten
ist  eine  beträchtliche  Zahl  erst  neuerdings  nobilitiert;
auch  besonders  die  bohe  Finanz  ist,  zum  mindesten  indirekt,
  vertreten.  Eine  Absicht  der  Regierung,  den
Adel  zu  begünstigen,  ist  nicht  vorhanden  gewesen.  Man
hat  auch  zu  berücksichtigen,  daß  die  verhältnismäßig
stärksten  Meldungen  aus  dem  Adel  kamen.  Immerhin
  ist  es  als  wünschenswert  zu  bezeichnen,  daß
neue  Kreise  mit  herangezogen  werden.  ie  Familien,
  bei  deren  Angehörigen  sich  die  angedeuteten
Voraussetzungen  für  die  Hreldung  der  diplomatischen
  Amter  finden,  find  gegenwärtig  zahlreich  und
nicht  auf  den  Adel  im  engeren  Sinn  beschräng.  Man
darf  auch  in  der  Forderung  aristokratischer  Boraussetzungen
  nicht  eine  zu  enge  Grenze  ziehen;  die  äußerlichen
  Gesichtspunkte  dürfen  nicht  die  Oberhand  gewinnen;
  es  braucht  auch  kein  Wort  darüber  verloren
u  werden,  daß  etwa  die  Zugehörigkeit  zu  bestimmten
sidentischen  Korporationen  nicht  in  Betracht  kommen
darf.  Wenn  weltmännische  Art  vom  Diplomaten  verlangt
  wird,  so  droht  als  übertreibung  derselben  die
Blasiertheit.  Das  fittliche  Ideal,  Geistesbildung  und
Enuergie  müssen  hier  wie  sonst  allem  andern  vorangehen.
  Der  einzelne  kann  durch  solche  Kardinaleigenschaften
  etwaige  Mängel  wettmachen.  Heute
sind  denn  auch  alle  Parteien  in  der  Forderung  der
unbedingten  Sachlichkeit  in  der  Auswahl  der  diplomatischen
  Vertreter  einig.  Der  (vom  Reichstag  anerkannte)
  Grundsatz,  die  Gehälter  so  zu  bemessen,
daß  auch  der  weniger  Vermögende  den  Posten  übernehmen
  kann,  wird  es,  wie  zu  wünschen,  erleichtern,
den  Kreis  der  Kandidaten  weiter  zu  ziehen.

Freilich  besteht,  nachdem  einmal  die  Zusammensetzung
  der  Diplomatie  Gegenstand  der  öffentlichen
Kritik  geworden  ist,  die  Gefahr,  daß  das  persönliche
Moment  einseitig  in  den  Vordergrund  gerückt  wird.
Es  ist  namentlich  mit  der  Vefahr  zu  rechnen,  daß
eine  Zuteilung  der  Diplomatenstellen  an  die  parlamentarischen
  Portelen  und  etwa  an  die  Finanzkreise
Platz  greift.  Wollte  man  solche  Rücksichten  zulassen,
so  käme  man  nicht  zu  einer  Besserung  der  Verhältnisse.
  So  ist  denn  mit  Recht  davor  gewarnt  worden,
die  notwendige  Reform  mit  der  Beseitigung  des
°  Garde=  oder  Adelsprinzips=  als  erledigt  anzusezen.

Was  ferner  not  tut,  ist  schon  vorhin  angedeutet;
der  diplomatische  Nachwuchs  ist  zu  einem  ausgeprägten
  Bolksbewußtsein  zu  erziehen.  Das  von  unserem
Kaiser  gebrauchte  Wort  civis  germanus  sum  muß

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erade  für  den  Diplomaten  zur  besonderen  und  umfassenden
  Wahrheit  werden.  Es  hat  für  ihn  in  dem
doppelten  Sinn  zu  gelten,  daß  er  die  Interessen  des
deutschen  Staatswesens  mit  Festigkeit  und  Würde
vertritt  und  zugleich  das  Anliegen  jedes  einzelnen
Volksgenossen  als  sein  eigenes  Anliegen  empsinde
So  wird  er  seine  Aufgabe  im  großen  diplomatischen
Verkehr  ebenso  erfüllen  wie  in  der  Fürsorge  für  die
im  Ausland  lebenden  Deutschen,  diejenigen,  die  noch
unser  Staatsbürgerrecht  besitzen,  wie  diejenigen,  die
nicht  im  Besitz  der  Reichsangehörigkeit  sind.  Der
deutsche  Gesandte  (Konsul)  muß  allen  seinen  Schutzbefohlenen
  ein  leuchtendes  Vorbild  echten  deutschen
Bewußtseins  sein.  Wenn  man  die  Aristokratie  deshalb
  für  besonders  geeignet  für  die  Berwendung  im
diplomatischen  Dienst  erklärt  hat,  weil  sie  die  Traditionen
  des  Staates  festhält  (s.  oben),  so  stellen  auch
wir  gewisse  politische  Voraussetzungen  für  die  Anwärter
  der  diplomatischen  Amter.  Der  Diplomat,
der  nicht  von  jenem  nationalen  Geist  erfüllt  ist,  wird
seine  Aufgabe  nicht  verstehen,  geschweige  denn  erfüllen
  können.  Der  Diplomat,  der  von  Anschauungen,
  die  dem  Pazifismus  verwandt  sind,  sich  leiten
äßt,  von  internationalen  Verbrüderungstagen  entscheidende
  Wirkungen  erwartet  und  das  Ausweichen
vor  jedem  Konflikt  als  empfehlenswert  ansieht,  würde
Erfolge  für  seinen  Staat  schwerlich  erringen.

Wenden  wir  uns  den  formalen  Bedingungen  oder
der  Borbildung  für  den  diplomatischen  Dienst  zu,  so
werden  strenge  Anforderungen  ebenso  der  Sache  im
allgemeinen  dienen,  wie  sie  ein  gutes  Mittel  sind,  um
Anwärter  mit  nur  äußeren  Empfehlungen  fernzuhalten.
  Im  Vordergrund  der  Ausbildung  werden
die  juristischen  und  nationalökonomischen  Studien
seeben-  Eine  Vervollständigung  werden  sie  nach  der

ichtung  zu  erfahren  haben,  daß  sie  den  Diplomaten
ebensowohl  zum  Vertreter  des  deutschen  Volkstums
im  angedeuteten  Sinn  geeignet  machen,  wie  sie  ihm
die  Fähigkeit,  fremde  Art  zu  beurteilen,  vermitteln
sollen.  Neben  geschichtlicher  und  ethnographischer
Orientierung  werden  darum  besonders  Sprachkenntnisse
  zu  verlangen  sein.  Es  wird  jedoch  das  bisherige
  Verfahren  zulässig  bleiben,  nicht  von  allen
Diplomaten  einen  bestimmten  Bildungsgang  zu  fordern.
  Wie  die  Minister  zwar  meistens  aus  dem  staatlichen
  Beamtentum  hervorgehen,  daneben  aber  aus
mannigfachen  Berufen,  ohne  die  Voraussetzung  eines
formellen  Studienganges,  gewählt  werden,  so  empfiehlt
  sich  auch  für  die  höheren  Diplomatenstellen  und
in  noch  stärkerem  Maß  für  sie  eine  ähnliche  Möglichkeit
  der  freien  Wahl.  Der  durchschnittliche  Weg  darf
nicht  der  einzige  sein.  Es  wird  sogar  erlaubt  sein,  die
Frage  aufzuwerfen,  ob  der  Dienst  als  Legationssekretär
  und  zrat,  der  erfahrungsmäßig  einseitig  repräsentativen
  Obliegenheiten  gewidmet  w  der  normale  Weg
für  die  Gesandtenposten  sein  soll.  Jedenfalls  ist  es
ratsam,  Personen  aus  den  mannigfachsten  Berufskreisen
  —  so  aus  den  höheren  Stellen  von  Heer  und
Flotte  und  aus  dem  Auslanddeutschtum  —  für  die
Gesandtenposten  zu  verwenden.

Natürlich  wird  sich  die  Auswahl  eines  geeigneten
Staatsvertreters  auch  danach  richten,  welche  Kenntnisse
  (auf  wirtschaftlichem  oder  auch  militärischem
Gebiet)  an  einem  bestimmten  Platz  vorzugsweise  erforderlich
  scheinen;  insosern  besteht  für  eine  Art
Spezialistentum  Raum.  Die  Vertrautheit  mit  der
Sprache  des  betreffenden  Landes  ist  im  allgemeinen
zu  verlangen,  kann  aber  nicht  unbedingt  verlangt