Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

576  Beutsches  Neich.  (Dez.  16.)

der  Vetternwirtschaft  und  den  hohen  Bezügen  der  Vollzugsratsmitgliedern.
Er  verzichte  nach  diesen  Erfahrungen  auf  die  weitere  Mitgliedschaft.  M.
schildert  in  breiten  Ausführungen  die  Entwicklung  in  den  entscheidenden
Novembertagen  und  bezeichnet  die  A.=  u.  S.-Räte  als  die  wichtigste,  ja  als
die  einzige  Errungenschaft  der  Revolution.  Fallen  sie,  so  fallen  damit  auch
die  Errungenschaften  der  Revolution.  Wir  Unabh.  wollten  uns  zunächst
an  keiner  Regierung  beteiligen,  in  der  auch  Mehrheitssozialisten  saßen:
auf  Drängen  der  Soldaten  haben  wir  uns  schließlich  bereit  gefunden,  aufrichtig
  gesagt,  bedaure  ich  es  heute.  Der  Vollzugsrat  ist  und  sollte  nur  ein
Provisorium  sein.  Niemals  ist  uns  Berlinern  der  Gedanke  gekommen,  das
ganze  Reich  zu  beherrschen.

(Inzwischen  haben  sich  Anhänger  des  Spartakusbundes  vor  dem
Abgeordnetenhause  versammelt  und  lassen  durch  eine  Delegation  ihre  Forderungen
  verlesen.  Einzelne  Forderungen  werden  beifällig  aufgenommen,
andre  mit  Pfuirufen  und  Lachen,  besonders  die  Forderungen  nach  Beseitigung
des  Rates  der  Volksbeauftragten  und  auf  Bildung  einer  Roten  Garde  werden
mißfällig  ausgenommen.)

M.  bespricht  dann  eingehend  die  Finanzwirtschaft  des  Vollzugsrats
und  sucht  den  Vorwurf  der  Verschwendung  zu  widerlegen.  Er  wendet  sich
gegen  die  Angriffe  des  Reichsschatzsekretärs  Schiffer  auf  die  A.=  u.  S.-Räte.
Gerade  die  Räte  waren  es,  die  der  Verschwendung  entgegengewirkt  haben.
Obwohl  das  Reichsschatzamt  und  der  Rat  der  Volksbeauftragten  dem  Vollzugsrat
  noch  keinen  Pfennig  überwiesen  haben,  setzt  die  bürgerliche  Presse
den  Schwindel  fort.  Aus  den  800  Mill.  sind  jetzt  sogar  1800  Mill.  geworden.
Insgesamt  haben  wir  bisher  höchstens  450000  Mk.  ausgegeben.  Wir  haben
sehr  sparsam  gewirtschaftet.  Sogar  vor  persönlichen  Angriffen  schreckt  man
nicht  zurück;  ich  soll  mir  und  meiner  Familie  80000  Mk.  Vorschuß  angewiesen
  haben.

In  der  Nachmittagssitzung  bespricht  Richard  Müller  das  unerträglich
gewordene  Verhältnis  zwischen  dem  Vollzugsrat  und  dem  Rat  der  Volksbeauftragten.
  Der  Rat  will  sich  nicht  mehr  unter  die  Kontrolle  der  A.=  u.  S.-Räte
stellen.  Die  Truppen  sind  nicht  vereidigt  worden  auf  den  Vollzugsrat,
sondern  auf  den  Rat  der  Volksbeauftragten.  Die  Soldaten  mußten  auf  die
deutsche  Republik  schwören,  nicht  auf  die  deutsche  sozialistische  Republik.
Die  Souveränität  des  Volkswillens  ist  im  Vollzugsrat  verkörpert.  Allmählich
sind  die  Errungenschaften  der  Revolution  abgebaut  worden.  Auch  die  militärischen
  Instanzen  schalten  nach  wie  vor,  wie  sie  wollen,  und  verstehen
ihren  Willen  auch  gegen  den  Willen  des  Vollzugsrates  durchzusetzen.  Bei
der  Zurückweisung  dieser  Uebergriffe  haben  wir  aber  nicht  die  Unterstützung
des  Rates  der  Volksbeauftragten  gefunden,  wohl  aber  Widerstand.  Tagelang
  wurde  gestritten  über  die  beiderseitigen  Zuständigkeiten.  Wenn  Gefahr
im  Verzug  ist,  müssen  auch  die  A.=  u.  S.-Räte  das  Recht  der  Exekutive
haben.  Aber  seit  der  Abgrenzung  der  Zuständigkeiten  ist  unser  Einfluß  auf
die  Regierung  so  gut  wie  geschwunden.  Es  blieb  uns  nichts  anderes  übrig,
als  die  Regierung  durch  ein  Mißtrauensvotum  zu  beseitigen.  Wir  haben
aber  nicht  einmal  Solf  beseitigen  können.  Freilich  ist  ja  auch  Unterstaatssekretär
  Dr.  David  ebenso  schuldig.  Auch  die  Beschlagnahme  der  Akten  des
Auswärtigen  Amtes  ist  noch  nicht  durchgeführt,  vielleicht  werden  die  Oefen
damit  geheizt  werden.  Man  hat  Zeit  und  Muße  gehabt,  alle  belastenden  Akten
zu  beseitigen.  (Ebert:  Nicht  wahr!)  Wir  haben  auch  die  Entwaffnung  der
Fronttruppen  verlangt,  damit  diese  zum  Teil  politisch  unerfahrenen  Leute
(Großer  Lärm  und  Widerspruch.)  Wir  haben  für  gründliche  Aufklärung
gesorgt,  aber  es  gab  Frontsoldaten,  die  noch  unter  dem  Einfluß  ihrer  Offiziere
standen.  Unsre  Forderung  der  Entwaffnung  wurde  nicht  erfüllt.  Auch