Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

172  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  3.—10.)

welche  Italien  mit  Deutschland  und  die  ruhmreichen  Dynastien  verknüpft,
welche  deren  Schicksale  lenken.“

Der  Reichskanzler  knüpft  hieran  die  Einladung  zum  Besuche
in  Friedrichsruhe.

Auf  der  Rückreise  in  Frankfurt  empfängt  Crispi  einen  Mitarbeiter
  der  „Frankfurter  Zeitung“,  der  über  die  Unterredung  mit
ihm  folgendes  mitteilt:

Crispi  folgte  diesmal  einem  speziellen  Wunsche  des  Fürsten  Bismarck,
der  ihn  zu  sich  einlud.  Die  Gespräche  beider  Staatsmänner  hatten  keine
besonderen  politischen  Ziele  zum  Gegenstande.  Die  römische  Frage  sei  nicht
berührt  worden.  Diese  Frage  existiere  für  die  Italiener  nicht.  Das  Verhältnis
  zum  Vatikan  sei  eine  innere  italienische  Angelegenheit,  in  welche
sich  niemand  einmischen  dürfe.  Fürst  Bismarck  wolle  dies  am  wenigsten.
Der  Papst  lebe  unter  den  Gesetzen  Italiens  wie  ein  italienischer  Bürger.
Betreffs  der  allgemeinen  internationalen  Lage  äußerte  Crispi,  Italien  wolle
die  Aufrechthaltung  des  Friedens  und  des  europäischen  Gleichgewichts,  deßhalb
  habe  es  sich  der  deutsch-österreichischen  Allianz  angeschlossen,  und  deßhalb
  sei  es  bestrebt,  zur  Vermeidung  großer  internationaler  Konflikte  beizutragen.
  Wegen  der  Besorgnis  der  Festsetzung  Rußlands  auf  der  Balkan-Halbinsel
  meinte  Crispi,  Italien  habe,  wie  alle  Staaten  Europas,  allen

rund,  Rußlands  Vordringen  bis  Konstantinopel  zu  fürchten.  Das  mittelländische
  Meer  dürfe  kein  russischer  See  werden.  Die  Bulgaren  und  ihre
Unabhängigkeit  hätten  Italiens  volle  Sympathie.

3.  Oktober.  (Bayern:  Adresse.)  Deputationen  beider  Häuser
des  Landtages  überreichen  dem  Prinz-Regenten  Adressen.  Die  Adreßdebatten
  sind  im  Hinblick  auf  die  Zurückweisung  der  letzten  Adresse
im  Jahre  1875  durch  König  Ludwig  streng  geheim  gehalten  worden.
Die  Debatten  im  Abgeordnetenhause  nehmen  jedoch  viele  Zeit  in
Anspruch  und  es  verlautet,  daß  der  Adreßentwurf  nicht  ohne  Schwierigkeiten
  Genehmigung  erhält.  Der  angenommene  Entwurf  enthält
nur  eine  Umschreibung  der  Thronrede,  ist  aber  in  sehr  warmem  Tone
gehalten.

3.—10.  Oktober.  Der  Anarchist  Neve  wird  vom  Reichsgerichte
  wegen  Hochverrats  zu  fünfzehn  Jahren  Zuchthaus  verurteilt.
Die  Verhandlung  findet  unter  Ausschluß  der  Oeffentlichkeit  statt.

Neve  war  während  der  Arbeiterunruhen  in  Lüttich  verhaftet  und  ausgeliefert
  worden  und  ist  der  Teilnahme  am  Niederwaldattentat  (Gesch.Kal.

1884  XII,  15.)  und  an  der  Ermordung  Rumpffs  (Gesch.  Kal.  1885  I,  13.)
beschuldigt.

4.—6.  Oktober.  (Sozialdemokratie.)  Die  deutschen  Sozialdemokraten
  halten  in  St.  Gallen  einen  Parteitag.

Die  Vorbereitungen  sind  so  geschickt  getroffen,  daß  erst  als  der  Kongreß
  versammelt  ist  die  ersten  Nachrichten  von  seinem  Zusammentritt  in  die
Oeffentlichkeit  dringen.  Es  nahmen  80  Repräsentanten  teil,  darunter  Singer,
Hasenclever,  die  zu  Vorsitzenden  erwählt  werden,  ferner  Bebel,  Liebknecht  u.  a.

Die  extreme  Partei  richtet  gegen  die  letzten  beiden  heftige  Angriffe