172 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Oktober 3.—10.)
welche Italien mit Deutschland und die ruhmreichen Dynastien verknüpft,
welche deren Schicksale lenken.“
Der Reichskanzler knüpft hieran die Einladung zum Besuche
in Friedrichsruhe.
Auf der Rückreise in Frankfurt empfängt Crispi einen Mitarbeiter
der „Frankfurter Zeitung“, der über die Unterredung mit
ihm folgendes mitteilt:
Crispi folgte diesmal einem speziellen Wunsche des Fürsten Bismarck,
der ihn zu sich einlud. Die Gespräche beider Staatsmänner hatten keine
besonderen politischen Ziele zum Gegenstande. Die römische Frage sei nicht
berührt worden. Diese Frage existiere für die Italiener nicht. Das Verhältnis
zum Vatikan sei eine innere italienische Angelegenheit, in welche
sich niemand einmischen dürfe. Fürst Bismarck wolle dies am wenigsten.
Der Papst lebe unter den Gesetzen Italiens wie ein italienischer Bürger.
Betreffs der allgemeinen internationalen Lage äußerte Crispi, Italien wolle
die Aufrechthaltung des Friedens und des europäischen Gleichgewichts, deßhalb
habe es sich der deutsch-österreichischen Allianz angeschlossen, und deßhalb
sei es bestrebt, zur Vermeidung großer internationaler Konflikte beizutragen.
Wegen der Besorgnis der Festsetzung Rußlands auf der Balkan-Halbinsel
meinte Crispi, Italien habe, wie alle Staaten Europas, allen
rund, Rußlands Vordringen bis Konstantinopel zu fürchten. Das mittelländische
Meer dürfe kein russischer See werden. Die Bulgaren und ihre
Unabhängigkeit hätten Italiens volle Sympathie.
3. Oktober. (Bayern: Adresse.) Deputationen beider Häuser
des Landtages überreichen dem Prinz-Regenten Adressen. Die Adreßdebatten
sind im Hinblick auf die Zurückweisung der letzten Adresse
im Jahre 1875 durch König Ludwig streng geheim gehalten worden.
Die Debatten im Abgeordnetenhause nehmen jedoch viele Zeit in
Anspruch und es verlautet, daß der Adreßentwurf nicht ohne Schwierigkeiten
Genehmigung erhält. Der angenommene Entwurf enthält
nur eine Umschreibung der Thronrede, ist aber in sehr warmem Tone
gehalten.
3.—10. Oktober. Der Anarchist Neve wird vom Reichsgerichte
wegen Hochverrats zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt.
Die Verhandlung findet unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt.
Neve war während der Arbeiterunruhen in Lüttich verhaftet und ausgeliefert
worden und ist der Teilnahme am Niederwaldattentat (Gesch.Kal.
1884 XII, 15.) und an der Ermordung Rumpffs (Gesch. Kal. 1885 I, 13.)
beschuldigt.
4.—6. Oktober. (Sozialdemokratie.) Die deutschen Sozialdemokraten
halten in St. Gallen einen Parteitag.
Die Vorbereitungen sind so geschickt getroffen, daß erst als der Kongreß
versammelt ist die ersten Nachrichten von seinem Zusammentritt in die
Oeffentlichkeit dringen. Es nahmen 80 Repräsentanten teil, darunter Singer,
Hasenclever, die zu Vorsitzenden erwählt werden, ferner Bebel, Liebknecht u. a.
Die extreme Partei richtet gegen die letzten beiden heftige Angriffe