Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Sechster Jahrgang. 1865. (6)

336  Vbersicht  der  Ereignise  des  Tahres  1865,

Greabin.  letzten  Verwickelung  gleich  Null  und  ihre  Betheurungen  von  Patrio-=tismus
  fanden  mit  Recht  nicht  den  mindesten  Glauben,  seit  die  englischen
  Maubücher  verrathen  hatien,  daß  es  ihrem  Führer,  dem  einstigen
  Präsidenten  der  holsteinischen  Stände,  dem  Frhrn,  v.  Scheel-Plessen
  nicht  sowohl  um  das  Land,  als  zunächst  um  pie  Aussicht
auf  Hof=  und  Gesandtschaftsstellen  zu  thun  war,  und  daß  er
und  seine  Gesinnungsgenossen  darum  früher  so  eifrig  am  dänischen.
Gesammtstaat  gehalten  und  jetzt  wohl  wiederum  nur  darum  mit
einem  größeren  Staale  vereinigt  zu  werden  wünschten.  Die  nächsie
Folge  des  Schrittes  der  siebenzehn  Feudalen  war  eine  zu  Anfang  des
J.  1865  vereinbarte  Gegenerklärung  von  40  der  angesehensten  Männer,
  die  binnen  wenigen  Wochen  nicht  weniger  als  60000  Unterschristen
  fand.  Allerdings  hatte  Preußen  außer  den  paar  Feudalen
auch  noch  eine  Anzahl  Anhänger  in  bürgerlichen  Kreisen  und  zwar
Männer  von  Talent  und  Entschiedenheit;  allein  auch  sie  bildeten
nur  ein  kleines  Häuflein  und  ihr  Einfluß  wurde  dadurch  sehr  geschwicht,
  daß  die  meisten  derselben  ursprünglich  gerade  zu  den  hitzigsten
  Anhängern  des  Augustenburgers  gehört  hatten,  so  daß  es  nahe
lag,  ihrem  nunmehrigen  Eifer  gegen  ihn  und  für  Preußen  eigennützige
  Motive  unterzuschieben.  Ihrer  24  traten  am  12.  Februar
in  Rendsburg  zusammen,  um  sich  über  ein  festes  Programm  zu
einigen,  was  denn  auch  mit  21  gegen  3  Stimmen  dahin  zu  Stande
kam,  daß  die  Preußen  als  Schutzmacht  der  Herzogthümer  entsprechenden
  Rrchte  demselben  voll  und  „für  alle  Zeiten“  eingeräumt  werden
solllen,  und  zwar  die  volle  Militärhoheit  zu  Wasser  und  zu  Lande,
die  diplomatische  Vertretung  und  die  handelspolitische  Führung,  endlich
  daß  diese  Rechte  Preußen  „vor“  der  definitiven  Ordnung  derinneren
  Verhältnisse  einzuräumen  seien.  Das  Programm  dieser  segenannien
  „nationalen“  Partei  fand  indeß  nur  wenige  Beitretende:
es  scheint,  daß  dieselben  nie  auch  nur  die  Zahl  von  hundert  erreichten.
  Wie  gering  die  Neigung  der  großen  Mehrzahl  der  Bepölkerung
  den  preußischen  Forderungen  war,  zeigte  neuerdings  die  am
26.  Februar  in  Rendsburg  abgehaltene  Delegirtenversammlung  der
Schleswig--Holstein-Vereine  beider  Herzogthümer.  Bei  dem  Mangel
einer  gesetzlich  geregelten  Volksvertretung  konnten  diese  Versammlungen
  wenn  auch  nicht  völlig,  doch  so  ziemlich  als  der  wirkliche
Ausdruck  der  überwiegenden  Mehrheit  angesehen  werden.  Von